Abschlussprüfung |
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Dreiundachtzig Absolventen standen auf dem Appellplatz des Ausbildungslagers, die
Hände an der Hosennaht, die Augen auf einen Tisch vor ihnen gerichtet.
Aus den Lautsprechern von allen vier Ecken des Lagers ertönte ein
blechernes: "Achtung!"
Die Absolventen standen noch strammer, wenn dass überhaupt noch möglich
war. An den Tisch trat eine kleine Frau mit straff zurückgekämmtem
Haar, Chefausbilderin Hildebrandt. Ein anderer Ausbilder folgte ihr und
stellte eine schwarze Box auf den Tisch. Die Augen aller Absolventen
wurden magisch von der Box angezogen.
Beinahe unbemerkt stand der Kommandant des Ausbildungslagers auf seinen
Stock gestützt am Rand des Appellplatzes Sein Rücken war gebeugt unter
der Last seiner Jahre. Vor etlichen hätte er bereits in den Ruhestand
treten können, aber immer wieder hatte er Gründe gefunden, warum das
Ausbildungslager auf seine Mitarbeit nicht verzichten konnte und so
stand er Jahr für Jahr klein und mit schlohweißem Haar am Rande des
Appellplatzes, wenn die Absolventen ihre Prüfungsergebnisse erfuhren.
"Meine Herren, meine Damen", erhob Chefausbilderin Hildebrandt ihre
Stimme. Kaum zu glauben, dass eine so kleine und zierliche Person eine
so gewaltige Stimme haben konnte, die jeden Tumult mühelos übertönte,
nicht dass unter den Absolventen etwa einer geherrscht hätte. "Meine
Herren, meine Damen, drei Jahre harter Ausbildung liegen hinter ihnen.
Sie haben alles gelernt, was wir ihnen beibringen konnten und alle, die
vor mir stehen, haben die schriftliche Prüfung bereits bestanden. Ich
gratuliere ihnen dazu."
Durch die Absolventen ging ein Raunen der Erleichterung und bei einigen
zuckten die Mundwinkel nach oben. Einer von ihnen war Esteban.
"Ich weiß, sie werden auch die praktische Prüfung bestehen, und dann
sind sie der Absolventenjahrgang zweitausendachtundzwanzig der Akademie
für Meuchelmord. Wir werden stolz auf sie sein. Ich werde jeden von
ihnen einzeln aufrufen und das Ergebnis der schriftlichen Prüfung
mitteilen. Sie kommen dann zu mir, ziehen aus der Black Box einen
Handdecoder und erfahren, welche praktische Prüfungsaufgabe sie
erwartet."
Was macht die Hildebrandt heute viele Worte, da verbraucht sie den
ganzen Vorrat für die nächsten Monate, dachte Esteban und verdrehte die
Augen in den Himmel. Seit er von der bestandenen schriftlichen Prüfung
wusste, war ihm eine Zentnerlast vom Herzen gefallen. Er wollte in die
Luft springen, in die Hände klatschen. Stattdessen zwang er sich, still
zu stehen und weiter den Worten Chefausbilderin Hildebrandts zu
lauschen.
"Meine Herren, meine Damen, für die praktische Prüfung haben sie zehn
Tage Zeit, bleiben sie erfolglos, gilt die gesamte Prüfung als nicht
bestanden. - Wir kommen jetzt zur Verlesung der Ergebnisse: Ackermann,
Anastasia - vierundsechzig von einhundert möglichen Punkten."
Absolventin Ackermann trat vor, holte sich von Chefausbilderin
Hildebrandt einen Händedruck und ein steinernes Lächeln ab und griff in
die Black Box. Es würde noch eine Weile dauern, bis Esteban dran war.
Vor ihm kam beinahe das gesamte Alphabet an die Reihe. Er hing Gedanken
an die praktische Aufgabe nach, bis er bei der Nennung seines Namens
zusammenzuckte.
"Verlund, Esteban - einundachtzig Punkte."
Wie an Fäden gezogen trat er vor, holte sich Händedruck und Lächeln ab
und griff in die Black Box. Er tastete mit den Fingern herum. Zwei
Handdecoder lagen noch drin, einer für ihn, der andere für Hinrich
Zierer. Beide fühlten sich absolut gleich an. Entschlossen griff
Esteban zu. Als er zu seinem Platz in den Reihen der Absolventen
zurückging, und Chefausbilderin Hildebrandt den letzten aufrief,
befingerte er unablässig den Decoder.
"Ich wünsche allen viel Erfolg und jetzt rühren sie sich, meine Herren,
meine Damen", rief Chefausbilderin Hildebrandt die erlösenden Worte.
Alle Absolventen sackten in sich zusammen und zerstreuten sich, um ihre
praktische Prüfungsaufgabe zu erfahren und mit den Vorbereitungen zu
beginnen. Esteban tippte seine Nummer ein. Der Decoder erwachte
piepsend zum Leben. Über das Display wanderte ein leuchtend blauer
Cursor, ihm folgte eine Schrift. Esteban las, schüttelte den Decoder
und las noch einmal. Verstohlen schaute er sich um. Die ersten seiner
Kameraden eilten davon, um mit ihren Vorbereitungen zu beginnen. Er
erhaschte einen letzten Blick auf den Kommandanten, ehe er hinter einer
Baracke verschwand. Esteban schaute wieder auf das Display.
"Chefausbilderin Hildebrandt, bitte darf ich eine Frage stellen?"
Esteban lief zu ihr.
"Absolvent Verlund."
"Die praktischen Prüfungsaufgaben - also die sollen sich doch auf das
Gelernte beziehen? Wir sollen doch beweisen, dass wir die Theorie auch
in der Praxis beherrschen?"
"So steht es in der Prüfungsordnung. Der Kandidat soll im praktischen
Teil der Prüfung zeigen, dass er in der Lage ist, einen einfach
gelagerten Auftrag mit nicht mehr als einem Gegenspieler in kurzer zeit
erfolgreich zu erledigen und in die Ausbildungsstätte zurückzukehren",
zitierte Chefausbilderin Hildebrand die Prüfungsordnung.
"Ich verstehe meine Aufgabe nicht ganz." Esteban hielt ihr den
Handdecoder hin.
Chefausbilderin Hildebrandt las die Anzeige. "Das schon wieder. Dem
Prüfungsamt fällt auch nichts Neues."
"Das Prüfungsamt kann das nicht ernst meinen. Das ist doch keine
Aufgabe, bei der ich das Gelernte praktisch anwenden kann. Ein kleiner
Stoß wird reichen. "
"Das Prüfungsamt scherzt niemals. Unterschätzen sie die Aufgabe nicht,
Absolvent Verlund. Das hat letztes Jahr schon einmal jemand getan. Das
Prüfungsamt, ich und alle anderen Ausbilder, wir haben das sehr
bedauert. Nur Mut." Chefausbilderin Hldebrandt gab ihm den Decoder
zurück. Auf dem Display stand immer noch: Töten sie den Kommandanten
des Ausbildungslagers. Jeglicher Gebrauch einer Schusswaffe ist
untersagt.
© Birgit Käker, 2004
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