Erste Rebellen

Drache

Sie waren seit Tagen unterwegs und die Wälder Ban Atais groß – größer als Meiron gedacht hatte. Verdrossen stapfte er hinter Dagol her. Er war noch nie so lange zu Fuß unterwegs gewesen, und er war auch noch nie so hungrig gewesen. Er und Dagol ernährten sich von dem, was die Wälder boten Früchte, Wurzeln und Pilze, sie nächtigten im Schutz mächtiger Baumstämme oder überhängender Felsen. Trotzdem war es mehr als einmal vorgekommen, dass sie im Regen bis auf die Haut nass geworden waren.
Erst letzte Nacht war es wieder geschehen. Der Bauernkittel lag feucht und klamm auf Meirons Haut. Er wünschte sich ein Feuer, über dem zwei fette Hasen brieten. Der Gedanke ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen, sein immerwährender Begleiter, der Hunger, wurde bohrend. Sie konnten nicht jagen, ihre einzige Waffe war ein kleines Messer, das in Meirons Gürtel steckte. Er hatte bisher nur drei gerade Stöcke als Pfeilschäfte zurecht geschnitten, Holz für einen Bogen und Fasern, aus denen sich eine Sehne drehen ließ, hatte er noch nicht gefunden.
Nie hatte Meiron sich vorgestellt, dass er einmal unter so erbärmlichen Umständen leben müsste. Wäre nicht Dagol bei ihm gewesen, er hätte längst aufgegeben und sich den Horden des Finsteren Fürsten ergeben.
»Können wir nicht eine Rast machen?«, fragte er den vor ihm gehenden Hauptmann.
Dagol drehte sich zu ihm um. Sein Gesicht war schmutzig, die Wangen eingefallen – der tagelange Marsch hatte auch ihm zugesetzt. »Und dann? Glaubt ihr, dass es besser wird, wenn wir rasten?«
Das war nicht so, Meiron wusste, also verschloss er jeden Gedanken an eine Rast tief in seiner Brust und marschierte weiter.
»Es ist Wahnsinn, eine Rebellenarmee aufstellen zu wollen«, murmelte er dabei so leise vor sich hin, dass Dagol ihn nicht hören könnte. »Wo sollen die Leute herkommen? Alle die wir in den letzten Tagen gesehen haben, waren genauso arm dran wenn nicht noch schlimmer. Kein Kämpfer unter ihnen, nur Bauern, Frauen und Kinder, die kaum mehr als das nackte Leben gerettet haben und eine neue Bleibe suchen.«
Mehrmals waren sie solchen Gruppen begegnet, verzweifelten Menschen, die sie mit großen Augen angestarrt hatten. Meiron hatte zu ihnen gar nicht erst davon gesprochen, eine Armee von Widerstandskämpfern aufstellen zu wollen. Sie waren auch an Dörfern vorbeigekommen, alle waren sie ausnahmlos geplündert und niedergebrannt, die Einwohner verschleppt oder geflohen.
»In die Silbermienen. Er hat das ganze Land in die Silbermienen verschleppt. Bald wird es niemanden mehr geben, der die Felder bestellt und Handel treibt«, ließ Dagol sich vernehmen.
Meiron kaute auf einem Grashalm, das vertreib nicht den Hunger, beschäftigte ihn aber. »Er braucht das Silber, um seine Söldner zu bezahlen, sonst ist es ganz schnell aus mit der Eroberung.«
»Das wäre unser Weg.«
»Wenn wir mehr als zwei wären.«
»Das wird schon. Ihr dürft nicht so ungeduldig sein. Wir müssen den Tempel der Magier erreichen, dann wird sich alles zum Besseren wenden. Er dürfte vom Krieg kaum in Mitleidenschaft gezogen sein.«
Das war auch so eine Sache mit dem Tempel der Magier. Er war verborgen, aber als König des Landes sollte Meiron ihn finden können. Darauf vertraute Dagol. Der Prinz war von Zweifeln geplagt und sie wurden stärker je länger ihre Suche dauerte. Er hatte geglaubt, er würde den Weg finden wie an einem Band, das ihn zum Tempel zog. Ein paar mal hatte er auch geglaubt in die eine oder die andere Richtung gedrängt zu werden. Sie waren seinem Gefühl gefolgt und es hatte sie jedes mal in die Irre geführt. Wenn das so weitergeht, würden sie nie den Tempel finden. Meiron zweifelte an seinen Fähigkeiten, Dagol tat das nie. Woher nahm er nur diese Zuversicht?
Meiron spuckte den zerkauten Grashalm aus und pflückte einen neuen. Dagol stolperte, er war doch nicht so unverwüstlich wie es schien. Der Prinz eilte an die Seite seines Hauptmannes und half ihm wieder auf.
»Wir sollten doch rasten. Du bist zu erschöpft, um noch weiter zu gehen.«
»Ihr meint, ich bin zu alt«, schnaubte Dagol. Er verschmähte die helfende Hand, als er wieder auf die Füße kam. »Vielleicht habt Ihr Recht. Wir suchen uns ein sonniges Plätzchen und setzten uns da eine Weile hin. Dann trocknet vielleicht auch unsere Kleidung.« Er packte seinen Kittel und zog daran.«
Dagol war also doch nicht so duldsam wie es immer den Anschein hatte. Meiron schaute zum Himmel auf. Nur vereinzelt fand ein Sonnenstrahl seinen Weg durch das Blätterdach.
Als sie eine kleine Lichtung fanden, ließen sie sich aufatmend im Gras nieder. Oberflächlich waren die Halme trocken, aber der Boden war noch feucht. Meiron lehnte sich an einen Stamm und schloss die Augen. Wenn jetzt eine Horde Eroberer käme – egal. Sollten sie ihn doch holen, er hatte nicht mehr die Kraft noch weiter davon zu laufen. Die Lider wurden ihm schwer.

»Was ist denn das. Sind das Männer oder sind das zwei Kobolde. Bei den Göttern, ich glaube es sind Kobolde.« Die Worte wurden von einem Lachen begleitet.
Meiron richtete sich mit einem Ruck auf und griff an seine Seite. Da war nichts, kein Schwert. Dennoch stellte er sich breitbeinig hin, bereit sich zu verteidigen. Es stand nur ein Mann vor ihm in weite Hosen und einen bunten Umhang gekleidet, über seine rechte Schulter ragte der Hals einer Laute empor. Nur einen Wimpernschlag später stand Dagol an der Seite seines Prinzen.
»Doch keine Kobolde, da habe ich mich wohl geirrt.« Ein Lächeln huschte über sein noch junges Gesicht. »Habt keine Furcht vor Gascon dem Barden, edle Herren.« Er verbeugte sich vor ihnen.
Meiron und Dagol gaben ihre feindselige Haltung. Ein Barde, der würde ihnen kaum gefährlich werden.
»Wo kommst du her, wo willst du hin?«, fragte Meiron.
»So viele Fragen und ich weiß immer noch nicht eure Namen. Mit Fremden zu reden, kann gefährlich sein in diesen Zeiten.«
»Natürlich. Ich heiße Meiron und das ist mein Freund Dagol.« Der Hauptmann boxte ihn in die Seite und im selben Moment begriff Meiron, dass er einen Fehler gemacht hatte. Er hätte nicht ihre wirkliche Namen nennen dürfen. Er biss sich auf die Lippen. Daran war jetzt nichts mehr zu ändern – im Notfall würde er den Barden mit bloßen Händen töten müssen.
»Meiron und Dagol. So heißen auch der Prinz und sein Hauptmann, die nach dem Fall von Banda Atai nicht gefunden wurden. Sollte es sich nur um eine zufällige Namensgleichheit handeln?«
»Wahrscheinlich. Und ich rate dir, das nicht überall verlauten zu lassen.« Dagol war dicht neben den Barden getreten und hatte die Stimme gesenkt.
Obwohl er unbewaffnet war, zuckte der Barde zurück. »Natürlich ihr Herren. Meine Lippen sind versiegelt. Da habe ich also recht, Ihr seid es wirklich.«
Gascon sank vor Meiron auf die Knie und küsste den Saum seines Kittels.
»Lass das.« Meiron trat eilig zurück. Er wollte nicht, dass ihm noch jemand Ehrenbezeugungen erwies, nicht solange er nicht mehr sein eigen nennen konnte als die Kleider, die er am Leib trug.
»Herr ich bin Eurer Diener. Ich werde durch das Land eilen und jedem erzählen, dass Ihr noch am Leben seid. Das gibt den Leuten Mut und sie werden sich erheben.«
Das war in etwa das, was auch Dagol vorgeschlagen hatte. Wenn es doch so einfach wäre.
»Ich brauche eine Armee, keine verzweifelten Bauern.«
»Verzweifelte Bauern, die ihr Land verteidigen, sind die beste Armee, die ein Heerführer haben kann.«
»Der Barde hat recht mit den Bauern. Aber es ist ausgeschlossen, dass überall herumerzählt, wer wir sind. Noch müssen wir im Verborgenen wirken. Du wirst mit uns kommen, Gascon.«
»ich bin Euer erste Gefolgsmann. Soll ich etwas zu eurer Unterhaltung spielen?« Er nahm die Laute vom Rücken und schlug ein paar leise Töne an.
Wie sehr hatte Meiron das vermisst. Es war unvernünftig im Wald Musik zu machen, die Eroberer könnten es hören, aber er brachte es nicht über sich, den Barden zu unterbrechen. Dagol ging es genauso. Gemeinsam lauschten sie der Melodie. Die vögel waren verstummt und der Wald schien den Atem anzuhalten.
Applaus erklang hinter einem Baum, als Gascon endete. Alle drei drehten sich erschrocken um.
»Bravo, ich hatte schon gedacht, das gäbe es gar nicht mehr in Ban Atai.« Die Stimme gehörte einer Frau und die Person dazu war wie eine Jägerin ganz in Leder gekleidet. Über der Schulter trug sie auch tatsächlich einen Bogen. Dickes, braunes Haar war zu einem Zopf geflochten, der über eine Schulter nach vorne gefallen war und auf ihrer Brust lag. An ihrem Handgelenk schimmerten Lichtbänder – sie war eine Magierin.
Gascon und Dagol beugten das Knie vor ihr, Meiron neigte den Kopf. Als sie näher kam, erkannte er, dass sie Trägerin von sieben Lichtbändern war. Nicht er hatte die Magier gefunden, sie waren zu ihm gekommen.
»Herrin, welch eine Freude Euch zu sehen.«
»Nicht Herrin«, lächelte sie. »Ich heiße Sinirell. Das genügt in diesen Zeiten.«
»Habt ihr alles gehört?«
»Alles«, bestätigte sie. »Ich folge Euch seit gestern und bis eben war ich mir nicht sicher, ob ich wirklich Meiron und Dagol vor mir habe. In Banda Atai gibt es Gerüche, dass Ihr entkommen seid, und ich wurde geschickt, das zu überprüfen. Ich bin froh, dass die Gerüche der Wahrheit entsprechen.«
»Wissen die Eroberer davon?«
»Sie wissen es, mein Prinz, und sie durchsuchen jeden Winkel der Stadt nach Euch. Der finstere Eroberer hat einen Preis auf euren Kopf ausgesetzt.«
»Die Menschen werden ihren Prinzen nicht verraten«, sagte Gascon und in seiner Stimme klang soviel kindliche Überzeugungskraft mit, dass die anderen lächeln mussten.
»Der Orden der Magier des Lichts steht Euch zur Verfügung, mein Prinz.«
»Nicht mehr Prinz, einfach Meiron in diesen Zeiten.«
So schnell konnte sich das Blatt wenden. Heute morgen hatte er noch gedacht, es gäbe keine Hoffnung und jetzt hatte er hunderte von Magiern hinter sich und einen Barden.

© Birgit Käker, 2007

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