Folgenreiche Heirat

Buch


Mit einem lauten Krachen schlug die Tür der Schenke an die Wand. Alle Gäste unterbrachen ihr Tun, um aufzuschauen. Etliche Bierhumpen verharrten in der Luft und für einen Augenblick war nur leise Plopp zu vernehmen mit dem eine Spielkarte der Schwerkraft folgend auf den Tisch fiel.
In der Tür stand Gunder Grimauge, grinste von einem Ohr zum anderen und sagte mit einer generösen die ganzen Schenke umfassenden Handbewegung: »Das muss gefeiert werden. Eine Runde Bier für alle.«
Die bunt gemischten Gäste der Schenke – Menschen Zwerge und anderes Volk - ließen Hände auf die Tische krachen und trommelten mit den Füßen auf den Boden. Eine Runde Freibier ließen sie sich gern gefallen und sogar die zwei oder drei anwesenden Felben nickten hoheitsvoll und ließen dazu ein leises Lächeln sehen.
»Hat sich deine schnauzbärtige Tochter endlich verlobt?«, übertönte von irgendwoher eine Stimme den allgemeinen Lärm. Dieser Einwurf wurde mit einem »Seht, seht!« sofort aufgegriffen.
Gunder zog die Stirn kraus. Seine Augenbrauen stießen über der Nasenwurzel zusammen und verliehen ihm ein besonders grimmiges Aussehen. Mit der schnauzbärtigen Tochter war sein Sohn gemeint, der mehr Interesse an Zwergen als an Zwergenfrauen hatte und nichts von alledem tat, was einen zünftigen Zwerg ausmachte. Er trank nicht, raufte nicht und machte auch keine dreckigen Witze – Gunder hatte es nicht leicht mit ihm. Auf der Suche nach dem vorwitzigen Sprecher ließ er seinen finsteren Blick über die Menge gleiten. Etwas länger verharrte er bei einem Tisch in einer Ecke, an dem Medi. Gredi und Pledi saßen und mit so unschuldigen Mienen Karten spielten, dass es höchst verdächtig war.
»Was gibt es zu feiern?«, fragte Baster Kerbhand. An seiner linken Hand fehlten ihm die beiden mittleren Finger – daher sein Rufname Kerbhand. Er behauptete, ein Wolf hätte sie ihm abgebissen, viel wahrscheinlicher war jedoch, dass er seine Finger in Angelegenheiten gesteckt hatte, die ihn nicht angingen und sie dabei eingebüßt hatte. Er war ein Zwerg von echtem Schrot und Korn und einer der besten Kumpane Grimauges.
Gunder schüttelte sich, schluckte den aufkeimenden Ärger über Medi, Gredi und Pledi hinunter und sagte: »Wir haben die Meisterschaft im Eichkugelwurf gewonnen. Ich habe es gerade gehört.«
»Das ist ja hervorragend!« Baster Kerbhand sprang von seinem Sitz auf und schlug seinem besten Freund auf die Schulter. Die übrigen Gäste schlugen noch einmal kurz auf die Tische und sahen dann erwartungsvoll den Wirt an, der hinter den Theke eifrig Bier zapfte.
Beim Eichkugelwurf wurden Kugeln aus Eichenholz von der Größe einer Faust auf ein Ziel geworfen. Als Ziel konnte sich jeder zur Verfügung stellen, ein Mensch, ein Zwerg oder wer auch immer gerade Lust hatte. Es gewann aber nicht etwa derjenige, der am besten treffen konnte oder der aus größter Entfernung treffen konnte – gewinnen konnte nur das Ziel, der Werfer war uninteressant. Sieger war derjenige, der die meisten Treffer gegen den Kopf verkraftete, bevor er ohnmächtig wurde. Die Zwerge mit ihren harten Schädeln waren seit hundert und mehr Jahren die unangefochtenen Meister dieser Disziplin. Und einer der größten Fans war Gunder Grimauge, in seiner Jugend war er selbst mehrmals Eripinas-Meister gewesen.
Der Wirt und seine Schankmädchen hatten inzwischen das Bier verteilt, und dafür ließen die Gäste Gunder nochmals hochleben. Er vergaß vollends die boshafte über seinen Sohn und setzte sich mit verlegener Miene zu Baster Kerbhand und zwei weiteren Freunden an den Tisch.
»Wir haben es also mal wieder geschafft«, nuschelte Baster und erhob die Hand, um Gunder erneut auf die Schulter zu schlagen. Der duckte sich schnell weg, und Baster ließ die Hand enttäuscht wieder sinken.
»Genau. Unser Meister hat genau 34 Würfe überstanden, bevor ihn der 35. zu Boden streckte. So viele hat bisher nur der große Longin Denkzuum vor 86 Jahren überstanden.«
»Wieder hervorragend. Der Junge macht dem großen Denkzuum Konkurrenz und bald auch, was die Geschwindigkeit seines Denkens angeht, heißt es.«
Von Denkzuum berichteten die Annalen, dass sein Gehirn wegen der vielen Treffer der Eichkugeln langsam geworden sei und er am Ende seines Lebens kaum noch seinen Namen gewusst haben. Seinem ehrenden Andenken unter den Zwergen tat das keinen Abbruch.
»Wir feiern das richtig«, sagte Gunder Grimauge augenzwinkernd zu seinen Kumpanen, »und zwar mit Wein vom besten.«
Er winkte den Wirt, die Bestellung aufzunehmen. Der kam heran und präsentierte als erstes die auf einen schmuddeligen Papierstreifen gekrakelte Rechnung für das Freibier. In der Schenke war offenbar mehr Volk gewesen als jemals zuvor, denn der Endbetrag entlockte Gunder Grimauge ein empörtes Grunzen und eine gemurmelte Bemerkung über Absahner und Wucherpreise. Breit grinsend wartete der Wirt neben auf sein Geld. Münze für Münze legte ihm Gunder in die ausgestreckte Hand. Am Ende beugte er sich mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck vor – denn versprochen war versprochen – und bestellte Wein, den allerbesten unvergleichlichen. Das Grinsen auf dem Gesicht des Wirts vertiefte sich noch, von ihm aus konnten einmal im Monat oder besser noch jeden Tag Meisterschaften im Eichkugelwurf sein.
Er brachte auf einem Tablett fünf langstielige Gläser und zwei Karaffen aus dunkel gefärbtem Glas. aus der größeren Karaffe schenkte er Gunders Freunden ein und ihm aus der kleineren. Über die Gesichter aller vier Zwerge glitt ein Lächeln der Vorfreude, als sie nach den Gläsern griffen.
Nach dem ersten Schluck erinnerte sich Baster Kerbhand an seine guten Manieren. Er nickte Gunder zu und sagte: »Dank an dich für diesen edlen Trank.«
Gunder Grimauge hatte als einziger noch nichts getrunken, aber jetzt hob auch er sein Glas. »Wohl bekommts, meine Freunde.«
Nach dem ersten Schluck spuckte er aus und setzte das Glas hart auf dem Tisch ab. Seine Freunde sahen ihn erschrocken an. Baster Kerbhand kostete zur Sicherheit noch einmal seinen Wein. Der zauberte nichts anderes als ein seliges Lächeln auf sein Gesicht. Gunder Grimauge sah dagegen aus, als hätte er Essig getrunken. Mit einer herrischen Geste winkte er den Wirt heran.
»Ich habe den allerbesten unvergleichlichen Wein bestellt und was bringst du da?«
»Was Ihr bestellt habt. Das ist das Beste, was meine Schenke zu bieten hat.«
»Wenn das das Beste ist, möchte ich nicht das Schlechteste probieren.«
»Ich weiß nicht, was du hast, Gunder. Der Wein ist unvergleichlich«. mischte sich Baster Kerbhand ein.
»Genau das habe ich bestellt!« Gunder Grimauge packte den Wirt am Hemd und zog ihn zu sich heran. »Den unvergleichlichen Wein der Insel Vinateros will ich.«
Der Wirt wollte zurückweichen, aber Gunder hielt ihn mit festem Griff gepackt. Er hatte die eisenharten Muskeln eines Kriegers und geübten Heerführers. Wollte der Wirt vor seinen Gäste nicht eine gänzlich würdelose Figur abgeben, musste er dicht vor Gunder stehenbleiben.
»Das habe ich gebracht, den unvergleichlichen Wein der Insel Vinateros.«
»Du willst allen Ernstes behaupten, dass dies der Unvergleichliche ist.« Gunder blickte die kleine Karaffe vor sich voller Ekel an.
»Nun das ... das stimmt nicht ganz«, stotterte der Wirt. Dicke Schweißtropfen traten auf seine Stirn. auf einmal wünschte er sich nicht mehr jeden Tag eine Meisterschaft im Eichkugelwurf. »Der Unvergleichliche ist in der großen Karaffe für Eure Freunde, Herr Grimauge. In der anderen ist der übliche Hauswein, den ich immer bringe, wenn jemand Wein verlangt.«
»Du wagst es!« Gunder ließ den Wirt los und hieb mit beiden Händen so kräftig auf die Tischplatte, dass alles ins Schwanken geriet.
Seine Freunde hatte dem Gespräch bisher mit angespannten Mienen gelauscht. Jetzt beeilten sie sich, die Karaffen und Gläser festzuhalten.
»Das tut mir leid, Herr Grimaugen, aber ich darf Euch den Unvergleichlichen nicht servieren. Edikt der vinaterischen Handelsgilde.« Der Wirt bemühte sich bei diesen Worten um eine Miene, als könnte er es selbst kaum glauben. Das Zucken um seine Mundwinkel verriet aber, dass es es Gunder Grimauge gönnte, den Wein von Vinateros nicht trinken zu dürfen.
Die Händler und Winzer von der Insel Vinateros hatten ihre eigenen Regeln, wer in den Genuss ihres Produktes kommen durfte. die Erlaubnisse und Verbote konnten sich von Tag zu Tag ändern, aber jeder Händler und Wirt auf den anderen Inseln Eripinas tat gut daran, sich genau an die Regeln zu halten, denn sonst konnte man leicht selbst auf die Verbotsliste geraten.
»Das darf doch nicht wahr sein«, polterte Gunder. »Ich war nie auf Vinateros und habe nie einem Vinateroner ein Haar gekrümmt. Ich schwöre es es, beim Barte meines Sohnes.«
»Ich kann nichts dagegen tun. Seit Ihr Eure zweite Frau aus der Familie Großfuß geheiratet habt, fallt Ihr unter ein Verbot.« Der Wirt gab die Bemühungen um einen ungläubigen Gesichtsausdruck zugunsten der Schadenfreude auf.
»Ich gehöre doch nicht zur Familie der Großfüße, nur weil ich Fioretta geheiratet habe.«
»Die Regel ist eindeutig: Jeder der in Verbindung mit der Familie Großfuß steht, darf weder Wein der Insel Vinateros erwerben, noch darf ihm welcher ausgehändigt oder sonstwie zugänglich gemacht werden. Ale Ehemann der ehrenwerten Fioretta steht Ihr unzweifelhaft mit der Familie Großfuß in Verbindung.«
»Fioretta gehört zu meiner Familie und ihre Verwandten habe ich seit der Hochzeit nicht mehr gesehen. Sie können mir auch gestohlen bleiben. Zählt das denn gar nicht?« Gunders Stimme war flehend geworden.
»Darauf kommt es nicht an.« Der Wirt wischte sich mit einem schmutzigen Hemdsärmel über die Stirn. »Ihr habt eingeheiratet in die Familie, und wenn ich das Verbot umgehe, darf ich den Unvergleichlichen auch nicht mehr anbieten. Das Risiko ist mir zu hoch, Herr Grimauge.«
»Du kannst dich ja scheiden lassen«, riet Baster Kerbhand.
»Das wäre eine Lösung«, nickte der Wirt, aber keine die Euch heute noch zum Unvergleichlichen verhilft.«
»Aber so in zwei oder drei Jahren, wenn alle Zeremonien abgeschlossen sind ...«
Baster Kerbhand und die anderen beiden Zwerge am Tisch lachten. Die Gäste an den umstehenden Tischen waren inzwischen aufmerksam geworden und lachten auch.
»Nun du kannst dich auch verkleiden und einen anderen Namen annehmen. Als Arbeiter in einem Silberbergwerk wird dich kaum einer mit Gunder Grimauge in Verbindung bringen und du kannst jeden Tag den Unvergleichlichen trinken«, gab Baster Kerbhand den zweiten Rat.
»Als könnte sich ein Arbeiter in einem Silberbergwerk das leisten« schnappte Gunder. »Es muss noch einen anderen Weg geben und ich werde ihn finden und den Wein bekommen.«
Noch mehr Gelächter antwortete ihm.
»Und jetzt nimm das hier weg«, er schmetterte dem Wirt die kleine Karaffe in die Hand, »und bring mir lieber ein Bier.«

© Birgit Käker, 2010

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