Heute Nacht

Buch

"Wir machen es heute Nacht", sagte Alexander und schaute seine Zwillingsschwester herausfordernd an. "Vati und Mutti gehen ins Kino, sie werden uns nicht erwischen" Martina sah nicht überzeugt aus. "Du meinst wirklich, sie ist auf dem Friedhof?"
"Eine andere Möglichkeit gibt es ja nicht mehr. Hast Du eine bessere Idee wegen Tilman und seinen blöden Freunden?"
Martina hatte keine bessere Idee und schüttelte den Kopf. Alexander hatte wirklich schon alles versucht, um Tilman und seinen Freunden zu entgehen. Er hatte weite Umwege gemacht, was zu spät zur Schule gekommen, über den Schulzaun geklettert und hatte sich die Hose zerrissen. In den Pausen wagte er sich kaum noch auf den Hof. Überall lauerten ihm Tilman und seine Freunde auf, spuckten ihn an, verprügelten ihn, nahmen ihm sein Taschengeld weg und warfen seine Bücher in den Dreck. Obendrein hatte die Lehrerin noch einen Brief an ihre Eltern geschrieben, dass Alexander im Unterricht unaufmerksam sei und oft seine Bücher nicht dabei habe.
Nur Martina wusste davon. Ihr hatten sie Alexanders Tasche auch schon aus den Händen gerissen, und erst vor zwei Wochen hatte sie ihr Taschengeld opfern müssen, damit ihr Bruder ein neues Mathebuch kaufen konnte. Das alte hatte Tilman in eine Pfütze geworfen und darauf herumgetrampelt. Vielleicht konnte Alexanders Plan dem allen ein Ende machen.
"Aber auf einem Friedhof suchen und im Dunkeln. Ich habe Mutti gefragt und sie hat im Lexikon nachgesehen. Es soll sie gar nicht bei uns geben", fügte Martina noch hinzu.
"Lexikonwissen. Ich habe im Internet gesucht. Könige im Mittelalter hatten eine Es gibt sie überall dort, wo die Körpersäfte von Toten im Boden sind."
"Da wo der Urin eines ertränkten Gauners auf die Erde geflossen ist", präzisierte Martina die Worte ihres Bruders. "Ich habe auch gelesen, was du aus dem Internet ausgedruckt hast. Auf dem Friedhof gibt es so was bestimmt nicht."
"Alles weißt du immer besser genau wie Hermine Granger in Harry Potter. Wo sollen denn sonst Körpersäfte von Toten in der Erde sein, wenn nicht auf einem Friedhof? Du hast bloß Schiss mitzukommen." "Habe ich nicht. Bei Harry Potter steht aber auch, dass sie schreit, wenn man sie aus der Erde zieht und dass man an ihrem Schrei stirbt. Wir brauchen Ohrenschützer."
"Ich habe an alles gedacht." Alexander holte aus der Schublade seines Schreibtisches zwei Kopfhörer hervor. Es waren altmodische Dinger, die die Ohren ganz bedeckten. Martina setzte einen auf.
"Wo hast du sie her?" Ihre Stimme klang dumpf in ihren Ohren. "Ich höre immer noch was."
"Du musst noch die Hände drauf drücken."
"Ich weiß nicht. Das bringt doch nichts. Eine Alraune wird nicht gegen Tilman und seine Freunde helfen, wenn wir überhaupt eine finden. Und ich weiß, was bei Harry Potter und die Kammer des Schreckens steht und was Du im Internet gefunden hast, aber du glaubst doch nicht etwa daran, dass sie unverwundbar macht und dir alle Wünsche erfüllt." Martina runzelte die Stirn. Sie wusste genau, dass sie Alexander damit wütend machte, aber sein Plan war auch wirklich zu blöd.
"Feige Trine. Dann gehe ich eben alleine. Und außerdem nehme ich Cher mit. Sie zieht die Alraune aus der Erde. So macht man das nämlich."
"Ach wenn es um Cher geht, dann sorgst du dich. Alles andere ist dir egal", sagte Alexander in einem Tonfall, als hätte er die Worte lange vorher eingeübt. "Mit einer Alraunehast du bald einen eigenen Hund."
Martina überlegte. Alexander konnte sie von seinem Plan nicht mehr abbringen. Wenn er sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ er sich nicht mehr reinreden und bei Tilman und seinen Freunden musste wirklich etwas passieren. Langsam nickte sie.

Die kleine Hündin heimlich aus dem Nachbarhaushaus zu holen, war nicht schwer. Ein Schlüssel lag immer unter einem Blumentopf auf der Treppe, und Cher stand schwanzwedelnd hinter der Tür als Martina aufschloss.
Ohne jemanden zu begegnen, erreichten sie den Friedhof. Das Eingangstor war verschlossen, aber zwischen den Gitterstäben gab es Stege, an denen sie wie auf einer Leiter hinüberklettern konnten. Alexander zuerst. Martina reichte ihm Cher und folgte.
Der Friedhof war stiller als der Rest des Dorfes und kälter. Martina zog den Reißverschluss ihres Anoraks ganz nach oben und vergrub eine Hand in der Tasche. Die andere umklammerte Chers Leine. Ahnungslos schnüffelte der kleine Hund im Gras.
Die Blumen sahen im Mondschein alle grau aus, und die Grabsteine standen wie Wächter an ihrem Platz. Durch Marinas Gedanken wirbelten Geschichten von Vampiren, die um Mitternacht aus ihren Gräbern stiegen, auf den Wegen tanzten und alle entführten, derer sie habhaft werden konnten. Aber bis dahin war noch über eine Stunde Zeit.
"Wo willst du suchen?" wisperte sie.
"Warum flüsterst du? Es ist nur ein Friedhof." Alexander sprach genauso leise. "Da drüben bei den alten Familiengräbern."
Er wandte sich dem Teil des Friedhofs zu, an dem sich die ältesten Gräber und die höchsten Bäume befanden.
"Das sieht doch beinahe aus wie ein Galgen." Alexander zeigte auf einen dicken Ast, der waagerecht von einem Stamm abstand. Martina schauderte. Unter dem Ast fanden sie nichts, was auch nur entfernt einer Alraune ähnelte, nur Gras und verblühten Löwenzahn.
"Ich grabe kein Loch in einem Grab. Wer weiß, was da alles rauskommen kann", sagte Martina, als sie weitergingen.
"Trine."
Martina achtete nicht auf die Beleidigung. "Hast du alles dabei.?"
"Alles in meinem Rucksack. Taschenlampe, Schaufel, Kopfhörer, Bilder von der Alraune und eine Papiertüte, damit wir sie tragen können."
Alexander ging voraus und leuchtete den Boden ab. Manchmal stieg er über eine verfallene Mauer oder öffnete ein rostiges Türchen und suchte in einem der Gräber. Martina und Cher verließen den Weg nicht. Die Schatten steinerner Engel lagen wie Riesen auf der Erde, bewegten sich und griffen nach den nächtlichen Besuchern.
Wieder hatte Alexander ein Grab abgesucht und stieg über eine Mauer zurück auf den Weg. Die Taschelampe hatte er abgelegt, um sich mit beiden Händen abzustützen. Das Licht malte eine unendlichen Kegel in die Nacht und Martina dachte, dass er einen verschlingen würde, wenn man hineintrat. Sie schaute auf ihre Uhr. Es war halb zwölf. Noch eine halbe Stunde und sie würde nach Hause gehen. Auf keinen Fall würde sie um Mitternacht auf dem Friedhof sein. Sie wollte das gerade Alexander sagen, als er mit einem erstickten Aufschrei die Arme hochriss. Die Taschenlampe rollte von der Mauer und erlosch.
"Etwas hält mich fest."
Cher verbellte die Nacht. Martina eilte zu ihm. Sie tastete über seinen Rücken.
"Dein Rucksack hat sich in der Hecke verfangen." Ihre Finger zitterten, als sie ihn befreite. "Lass uns nach Hause gehen. Es ist auch bald Mitternacht."
"Willst du noch mal herkommen und nach der Alraune suchen?" Alexander versuchte seiner Stimme einen gleichmäßigen Klang zu geben. Er hob die Taschenlampe wieder auf und schraubte die Batterien fest, die sich beim Sturz gelöst hatten. Seine Schwester schaute er nicht an.
Martina schluckte. Alexander würde nicht einfach aufgeben und nach Hause gehen. Noch war etwas Zeit und herkommen wollte sie nicht noch einmalt. Sie suchten weiter.
"Da vorne. Was ist das?" Sie griff nach Alexanders Schulter. Er zuckte zusammen. Martina lenkte seine Aufmerksamkeit auf eine Stelle unter einer Buche, an der sich vom Gras ein Kranz dunkler krauser Blätter abhob. "Kann sie das sein?"
Sie knieten sich hin, um die Pflanze genauer zu betrachten. Die Engelschatten zitterten bedrohlich im Wind. Cher sonst immer mit der Nase mittendrin im Geschehen blieb hinter Martina. Aus seinem Rucksack holte Alexander die Bilder der Alraune. Sie sah darauf aus wie eine Kreuzung zwischen Löwenzahn und Huflattich und genauso sah die Pflanze vor ihnen aus.
"Das ist sie. Nimm einen Kopfhörer."
Martina hatte Watte mitgebracht, die sie sich in die Ohren stopften, bevor sie die Kopfhörer aufsetzen. Sie verglichen noch einmal die Pflanze mit dem Foto. Beides sah gleich aus. Sie hatten wirklich eine Alraune gefunden. Wenn sie nun doch ein Glücksbringer war �
Behutsam stach Alexander das Gras um die Pflanze herum aus und fing an zu graben. Tief reichte eine dicke Wurzel hinab. Kleinere Wurzeln wuchsen aus ihr heraus. Mit den Fingern kratzte Alexander die Erde ab. Kein noch so kleines Stück durfte von der Wurzel abgebrochen werden, sonst schrie sie. Seine Zungenspitze schaute zwischen den Lippen hervor.
Trotz der Watte und der Kopfhörer glaubte Martina die Scharren zu hören, mit dem die kleine Schaufel in die Erde fuhr und das Kratzen, wenn ihr Bruder mit den Fingern grub. Sie bedeutete ihm vorsichtig zu sein. Er hörte sie gar nicht. Nur seine Zungenspitze bewegte sich, als er noch mehr Erde lockerte.
"Sie ist fast lose. Cher kann sie jetzt rausziehen." Alexanders Stimme hörte sich dumpf an durch die Kopfhörer. Er streckte die Hand aus, um nach der Hundeleine zu greifen.
Die Leine straffte sich in Martinas Hand. Cher war so weit zurückgewichen, wie sie konnte. Auf Martinas Locken reagierte sie nur, indem sie die Vorderpfoten in die Erde stemmte und sich hinsetzte.
"Was hat Cher?" Alexander drehte sich um und nahm der Kopfhörer ab.
"Sie will nicht." auch Martina befreite ihre Ohren.
"Nun komm schon Cher. Es ist nicht schwer die Alraune aus der Erde zu ziehen. Sie ist ganz lose." Er nahm seiner Schwester die Leine aus der Hand und zog daran. Cher fing an zu winseln. Sie rutschte noch ein Stück weiter nach hinten und bleckte die Zähne.
"Sie ahnt was und hat Angst."
"Ach was." Alexander ging zu der kleinen Hündin und wollte sie hochnehmen. Sie knurrte ihn an.
"Siehst du es nun? Ruhig Cher, ganz ruhig." Cher wich auch vor Martinas Hand zurück. "Lass uns nach Hause gehen."
"Ich gebe nicht auf. Nicht, nachdem wir so weit gekommen sind. Wir schaffen es auch Cher, wir haben ja die Kopfhörer."
Sie setzen den Ohrenschutz wieder auf, und Alexander versenkte die Finger wieder in der Erde. Cher spürte, dass die Gefahr vorbei war. Sie schüttelte sich, schaute zu Martina auf und stupste sie mit der Nase an. Automatisch fuhr Martinas Hand nach unten und streichelte ihr über den Rücken, während sie Alexander beobachtete.
"Eine Alraune schreit nicht, wenn sie ausgegraben wird. Das gibt es bei einer Pflanze nicht", sagte sich Martina und doch hatte Cher gespürt, was ihr bevorstand. Zögernd ging sie die wenigen Schritte bis zu ihrem Bruder, schaute ihm über die Schulter.
Mit der einen Hand hielt er die Taschenlampe, mit der anderen schaufelte er Erde aus dem Loch. Ein ansehnliches Häufchen lag schon neben ihm. Die Alraune war bereits zur Seite gekippt, er musste sie gleich gelöst haben. Martina nahm ihm die Taschenlampe ab, leuchtete ihm.
Ein Fauchen gefolgt von einem hohen, schrillen Schrei durchdrang Kopfhörer und Watte. Die Alraune �! Alexander hatte einen Fehler gemacht. Es stimmte doch, was bei Harry Potter stand.
Martina schleuderte die Taschenlampe von sich, drehte sich um und rannte auf das Tor zu. Cher schoss an ihr vorbei. Hinter sich hörte sie Alexanders keuchenden Atem. Der Schrei würde noch einmal kommen noch lauter und dann würden sie sterben.
Das Tor tauchte vor ihnen auf. Cher zwängte sich unter durch. Martina hatte den Fuß auf die erste Sprosse gesetzt, als die Kirchturmuhr anfing zu schlagen. Mitternacht! Auch das noch. Sie hatten die Zeit vergessen. Alexander schob sie von hinten. Beinahe wäre sie gestürzt. Im letzten Augenblick konnte sie sich mit den Händen abfangen. Sie rannten so schnell sie konnten. Nur noch nach Hause und in Sicherheit.
"Mama, Mama", schrie Martina noch bevor die Haustür hinter ihnen ins Schloss gefallen war. Hoffentlich war das Kino schon aus und die Eltern zu Hause. "Mama, Mama", rief sie noch einmal.
Barfuss und mit verstrubbeltem Haar kam die Mutter die Treppe heruntergerannt. Die Zwillinge stürzten sich in ihre Arme. Der Vater kam nur einen Augenblick später. Er legte eine Hand in Alexanders Nacken, mit der anderen packte er Cher, die kläffend um die Gruppe herumraste. Nach und nach brachten die Eltern die ganze Geschichte von der Alraune, von Tilman und warum Cher sich wie eine Irre gebärdete aus ihren Kindern heraus.
"Es stimmt doch, was bei Harry Potter über die Alraune steht", schluchzte Martina.
"Vielleicht. Vielleicht war es auch ein Tier. Jetzt seid ihr auf jeden Fall in Sicherheit", tröstete die Mutter sie.
"Da war kein Tier. Es war die Alraune", murmelte Alexander.
"Was immer es war, auf dem Friedhof kannst du nichts finden, was dir gegen Tilman beistehen kann. Da müssen Menschen ran. Wir setzen uns jetzt alle zusammen hin, trinken jeder ein Glas Wasser und überlegen was wir tun können", sagte der Vater ganz vernünftig.
Als die Zwillinge später im Bad standen und ihre Zahnbrüsten ausspülten, fragte Martina leise: "Willst du morgen nachsehen, was aus der Alraune geworden ist?"
Alexander schüttelte den Kopf.
© Birgit Käker, 2004

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