Leseprobe
Die Nacht von Beltane

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Mit dem Versinken der Sonne gehörte der Baumkreis der Göttin und ihrem erwählten Gefährten. Ynera blieb allein zurück.
Sie legte sich auf das Bett und breitete ihr Haar sorgfältig um sich herum aus. Sie hatte sich so gelegt, dass sie den Vollmond sehen konnte und wartete.
Ihre Gedanken wanderten zurück zu einer Nacht vor zwanzig Jahren. Ihr Körper war gerade erblüht. Die Brüste jung und fest. Die Haut über ihrem Bauch war noch straff und faltenlos gewesen, keine Streifen unterbrachen die Makellosigkeit ihrer Oberschenkel. Damals hatte sie noch keinen Mann nackt erblickt und wusste nicht recht, was sie zu sehen bekommen würde. Heute war ihre Haut am Bauch schlaff, von den vier Schwangerschaften, ihre Brüste hingen groß und schwer herunter. Würde Etherien sie so sehen, eine Frau an der Schwelle zum Alter oder würde er in ihr die Schönheit der Göttin erblicken?
Sie ließ den Blick umherschweifen so gut sie es mit der Maske und ohne den Kopf zu bewegen vermochte. Feuerschein geriet in ihren Gesichtskreis und das Dröhnen großer Trommeln erreichte ihre Ohren. Beltane hatte begonnen.
Wann würde er kommen, der gehörnte Gott, ihr Gefährte, der junge Etherien? Die Männer hatten ihre eigenen Rituale, um einen Prinzen auf die Nacht der großen Ehe vorzubereiten. Sie wusste davon nur, dass die Jagd eines Hirsches dazu gehörte, und sie nicht eher ruhen durften bis einer erlegt war, und der Prinz von der rohen Leber gegessen hatte, um seine Männlichkeit zu stärken. Ynera zog ein Fell über ihren Körper gegen die hereinbrechende Kühle der Nacht.
Die Trommeln dröhnten lauter in ihren Ohren, und mit der erweiterten Sicht der Göttin sah Ynera Menschen im Schein der zuckenden Flammen tanzen. Sie umschlangen einander und lösten sich wieder. Die ersten verschwanden zu zweit oder auch zu dritt in der Dunkelheit. Aus dem Boden stiegen die Kräfte der großen Mutter nach oben. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er kam, der gehörnte Gott, ihr Gefährte, der junge Etherien.
Er war da!
Ohne den Kopf zu wenden, sah sie einen Schatten zwischen den Bäumen hervortreten. Vorsichtig witterte er in der Luft und kam dann mit kleinen Schritten näher. Der Gehörnte war da.


"Erotische Phantasien", herausgegeben von Intrag Publishing, 2004
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