|
Ein Rauschen am Himmel ließ Felicitas zusammenfahren.Sie schaute nach oben und hielt entsetzt den Atem an. Ein
Koloss groß wie ein Flugzeug stieß auf sie herab. Seine Flügelspannweite betrug sicher die Breite einer sechsspurigen
Autobahn. Schlangengleich schleuderte er seinen Kopf durch die Luft und spie aus seinen Nüstern eine Flammenwolke,
die in der Luft verglühte. Auf seinem Nacken war ein Sitz festgeschnallt in dem eine kleine Gestalt hockte. Das musste
einer der mächtigen Flugdrachen sein, von denen Bandar erzählt hatte.
Er stieß Felicitas vom Pferd. »Versteck dich!« Er gab ihreinen Stoß in Richtung einer nahestehenden Baumgruppe.
Felicitas taumelte darauf zu und presste sich an einen derStämme.
Bandar hatte sein Schwert aus der Scheide gerissen und reckte es mit Todesverachtung in die Höhe. Wie eine
Bronzestatue saß er reglos auf dem verängstigten Pferd und erwartete den Angriff des Drachen. Eine zweite Feuergarbe
setzte die Bäume zu Felicitas Linker in Brand. Der Drachewar jetzt so nah, dass sie den hasserfüllten Blick seines
Reiters erkennen konnte.
Die Spitze von Bandars Schwert kratzte über die Schuppen am Bauch des Untieres, ohne Schaden anzurichten. So viel
zu den Legenden, dass die Unterseite eines Drachen seine verletzliche Stelle war, dachte Felicitas. Bandar schwang das
Schwert herum und stach es dem Drachen in die Unterhaut seiner Flügel. Ein markerschütternder Schrei ertönte, als die
Klinge die Haut durchstach, obwohl die Wunde so klein war, dass sie den Drachen kaum behindern konnte.
»Flieh!« schrie Bandar. »Nach Natril! Immer am Gebirge entlang nach Norden!«
Felicitas blieb, wo sie war. Der Zauberwürfel an ihrer Tasche wurde heißer. Der Stoff musste gleich in Flammen aufgehen.
Der Drache schleuderte Bandar mit einer Drehung seines
Schwanzes vom Pferd. Mit einem entsetzten Wiehern verschwand
das Tier zwischen den Bäumen. Der Tempelkrieger
rollte sich über die Schulter ab und sprang wieder auf die
Füße. Er wandte ihr den Rücken zu und tänzelte hin und her,
bot dem Drachen keine Fläche, um erneut anzugreifen, konnte
aber auch selbst keinen weiteren Streich landen.
Beide waren in einem unendlichen Tanz gefangen, der in
seiner Schrecklichkeit zugleich auch schön war.
"Alea³ Der Weltenwürfel", herausgegeben von Birgit Käker und Jörg Olbrich, 2004
Web-Site-Verlag
nach oben |