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Auf dem Wehrgang über dem Tor wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbar. Die Wachen standen mit angespannten
Gesichtern und schussbereiten Bogen hinter den Zinnen. Sie machten ihrem Hauptmann und Felicitas Platz. Hinter den
beiden drängten sich die anderen Frauen zusammen. Sie stöhnten beim Anblick der herannahenden Drachenreiter angstvoll auf.
Wie Thirias gesagt hatte, waren es ungefähr zwanzig Laufdrachen und auf jedem saßen ein oder zwei Reiter. Felicitas sah
zum ersten Mal Laufdrachen und fühlte sich an Dinosaurier aus dem Film "Jurassic Park" erinnert. Leider war das kein Film.
Hinter den Laufdrachen watschelte einer der gefürchteten Flugdrachen. So elegant diese Tiere in der Luft waren, so unbeholfen
sahen sie auf dem Boden aus. Seine Flügel hingen herab und schleiften beinahe auf der Erde. Ganz zum Schluss kamen einige von
Pferden gezogene Karren.
"Ganz ruhig bleiben", befahl Hauptmann Thirias den Bogenschützen. "Ich will sehen, was sie vorhaben."
"Sie greifen die Burg an, was sonst? Wir müssen uns verteidigen." Felicitas hatte die Hände auf den Bauch gelegt, als könnte
sie so ihr Ungeborenes schützen.
"Ich habe Eurem Mann geschworen, mit meinem Leben für das Eure einzustehen und das halte ich auch. Ihr könnt Euch auf mich
verlassen." Thirias hob eine Hand und ließ sie einen Augenblick in der Luft schweben, als wollte er sie über Felicitas verkrampfte
Finger legen. Unverrichteter Dinge ließ er sie wieder sinken.
"Sie haben angehalten", warf einer der Bogenschützen ein.
Sofort wandte sich wieder alle Aufmerksamkeit den Drachenreitern zu. Die hatten ihre Tiere neben einigen Felsen angehalten,
luden jetzt Gepäck von den Karren ab und bauten ein Zelt auf.
"Sie wollen dort lagern", bemerkte der Hauptmann mit kraus gezogener Stirn.
"Sie belagern uns." Felicitas' Stimme war vor Angst ganz hoch.
"Herrin", sagte Thirias behutsam, "sie sind zu weit weg, als dass wir sie mit den Bögen oder den Katapulten erreichen könnten.
Im Moment besteht keine Gefahr."
Felicitas blickte zu den beiden Katapulten rechts und links über dem Tor mit ihrem Gewirr aus Seilen und Hebeln. Sie hatte
schon gesehen, wie die Soldaten damit zur Übung schwere Steine in die Ebene geschleudert hatten. Sicherer fühlte sie sich
dadurch keineswegs.
Bei den Drachenreitern entfernte sich einer auf seinem Laufdrachen von den anderen und kam auf die Burg zugeritten. Die
Zurückbleibenden unterbrachen ihre Arbeit und schauten ihm nach.
"Er greift uns an!", schrie Felicitas. "Schießt doch, Schießt doch!" Sie packte den neben ihr stehenden Bogenschützen am
Arm und schüttelte ihn. Die anderen Frauen fielen in ihr Schreien ein. Einige verbargen schluchzend das Gesicht in den Händen.
"Alea³ Ein Jahr danach", herausgegeben von Birgit Käker und Jörg Olbrich, 2006
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