Leseprobe
Drei aus der Hand

Buch


Anne befolgte den Rat, aber auch mit zwei weiteren Würfen verbesserte sie ihr Spielergebnis nicht. Die Spielmarke mit der 36 war alt, die Zahl kaum noch zu lesen. Als sie sie in die Hand nahm, spürte sie wieder das seltsame Kribbeln in den Fingerspitzen. Ihre Hand verharrte über dem Spielbrett, und sie fühlte Kälte in sich aufsteigen. Hinter Theobald erschien schemenhaft einer der Männer, die sie schon vorher beim Spiel gesehen hatte. Einen Finger anklagend ausgestreckt deutete er auf sie. Die Spielmarke polterte auf das Brett.
"Anne, was ist denn?" Dieter griff nach ihrer Hand.
"Nichts, nichts." Hastig entzog ihm Anne ihre Finger und schob Theobald die Würfel hin.
Sie blinzelte wie wild mit den Augen, aber die schemenhafte Figur hinter Theobald blieb und schaute ihm über die Schulter. In ihrer Kehle bildete sich ein Kloß, den sie nur mit Mühe herunterschlucken konnte.
Theobald würfelte eine Eins, zweimal die Zwei, Vier und Sechs. Der Schattenmann hinter ihm deutete auf die Eins, Vier und Sechs, und wirklich warf Theobald diese drei Würfel erneut. Der zweite Wurf brachte eine weitere Zwei.
Auch hinter Herrmann und Dieter tauchten jetzt schemenhaften Umrisse von Männern auf, als wären sie aus der Wand gekommen. Anne spürte ein Kribbeln in ihrem Nacken und ahnte, dass auch hinter ihr jemand stand. Was ging hier vor? Geister gab es doch nur in den Mysteriethrillern, die sie abends im Bett so gerne las. Sie stellte sich dann immer dann vor, die Heldin dieser Bücher zu sein und wohlige Schauer liefen ihr über den Rücken. Jetzt kroch nur die Kälte weiter ihren Körper hoch. Sie wagte es nicht, sich umzudrehen.
Mit seinem dritten Wurf fielen zwei weitere Zweien für Theobald. Sein Schatten schlug ihm auf die Schulter. Die Hand ging jedoch durch Theobalds Körper hindurch, als wäre er aus Luft. Gleich darauf schlug auch Herrmann seinem Freund auf die Schulter. Anne war sich nicht mehr sicher, was sie gesehen hatte, und Theobald trug 60 Punkte bei "Fünf Gleichen" ein. Mit einem zufriedenen Schmunzeln nahm er einen langen Zug aus seinem Bierglas. Der Schatten hinter ihm hielt auch eine Bierkanne in der Hand und trank. Gelber Gerstensaft tropfte auf sein Kinn, lief über sein ohnehin schon fleckiges Wams.


"Schatten des Jenseits", herausgegeben von Maike Schneider, 2005
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