Leseprobe
Jäger in der Dämmerung

Buch


Die Spur folgte einem kaum erkennbaren Pfad, von unzähligen Tierhufen in den Waldboden getreten. Sie führte zwischen Hügeln hindurch und schlängelte sich um Bäume herum. Das Land stieg langsam an. Daran erkannte Ongin, dass sie weiterhin in nördliche Richtung gingen auf das Wolkengebirge zu. Immer öfter mussten sie Felsen umrunden, die wie steinerne Wächter aus dem Nebel auftauchten. Der hatte sich kaum gelichtet. Obwohl es bestimmt hoher Vormittag war, verschwamm die Welt noch immer zu einem Meer aus Grau und Weiß. Der Stand der Sonne war nicht einmal durch einen hellen Fleck am Himmel zu erraten.
Auf einmal stürzte Ongin mit einem erstickten Aufschrei zu Boden. Sein linkes Knie schlug hart auf einem spitzen Stein auf. Stöhnend zog er sich an einem jungen Baum hoch. Der schlanke Stamm bog sich bedrohlich unter seinem Gewicht. Er war ihm kaum eine Stütze.
Vor ihm drehte sich Earmus um. "Was ist passiert?"
"Ich bin über eine Wurzel gestolpert."
Earmus kam zu ihm zurück. "Bist du verletzt?"
"Ich weiß nicht genau. Mein Knie." Ongin hatte das Gefühl, als würde das Knie nicht mehr zu seinem Körper gehören. Unsicher tasteten seine Finger danach. Wenn er sich verletzt hatte und die Jagd abbrechen musste ... Die Götter aber hatten ein Einsehen mit ihm. Er hatte nicht mehr als einen Kratzer davongetragen.
Ihr Weg führte sie erneut abwärts in ein schmales Tal. Die Fußabdrücke des Keilers glänzten dunkel auf dem bereiften Boden. Er konnte ihnen nicht mehr weit voraus sein. Ongin umklammerte seine beiden Speere so fest, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Seine andere Hand hatte er auf einen der beiden Dolche gelegt. Als er es bemerkte, stieß er kurzes, trockenes Lachen aus und lockerte seinen Griff. Eines der schlimmsten Dinge für einen Jäger ist, wenn er sich verkrampft, egal ob nun aus Furcht oder aus Jagdfieber, hörte er die Stimme seines Vaters in seinen Gedanken.
Ein Grunzen, wütendes Fauchen und das Splittern abgebrochener Äste drang an sein Ohr. Vor ihnen brach der Keiler aus dem Dickicht.


"Wildes Land", herausgegeben von Timo Bader und Jürgen Brandner, 2005
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