Madocs Ring |
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Eine Hand schloss sich um ihren Hals, eine große, starke Hand. Nehlen gab
einen erstickten Laut von sich. Sie krallte ihre kleinen Hände um den
fremden Arm und trat um sich. Die Finger an ihrem Hals drückten ein
wenig mehr zu. Die Luft wurde knapp. Noch ein wenig mehr und ... Sie
war so gut wie tot. Ob sie jetzt erstickte oder später in Madocs Kerker
starb, spielte keine Rolle.
Nehlen wurde vom Boden hochgehoben und geschüttelt. Ihre Beine
schlackerten wie die einer Puppe, während sie verzweifelt nach Luft
schnappte.
"Wen haben wir denn da? Eine kleine Ratte, die im Dunkeln
herumschleicht." Die Stimme klang eher amüsiert als ungehalten.
Sie wurde herumgeschwenkt, als ihr Peiniger sich drehte. Unter seiner
Bewegung knarrte das Bettgestell. "Eine Kerze. Ich will sehen, wer zu
mir gekommen ist."
Jäh ließ er ihren Hals los, nur um im gleichen Augenblick ihren
Oberkörper wie ein Fass Butter zwischen seinen Knien festzuklemmen.
Nehlen jappste und keuchte, sog einen Strom Luft ein, bevor sie ihr
erneut knapp wurde.
Breite Schultern und Arme so dick wie Dreschflegel ragten drohend über
ihr auf, als er mit Kerze und Zunder hantierte. Die Flamme warf ihr
Licht in den dunklen Raum, brachte blondes Haar und gerade Augenbrauen
zum Vorschein, die dem Gesicht einen mürrischen Ausdruck verliehen. Es
war Madocs Gesicht. Das Gesicht eines der beiden Anwärter auf den Thron
von Denhardir.
"Sieh an, eine Koboldin." Sein dicker Zeigefinger fuhr die Linie ihrer
kleinen Brüste unter dem Hemd nach. "Das hätte ich mir doch denken
können. Wer sonst außer einem Kobold würde es schaffen, nachts in meine
Kammer zu schleichen."
Nehlen schwieg und biss die Zähne zusammen, als er ihren Kopf an den
Haaren herumriss. "Nun rede!" Wieder riss er an ihrem Haar. "Wie bist
du in die Festung und an den Wachen vorbei bis in meine Schlafkammer
gekommen? Das würden selbst bei den Kobolden nur die Geschicktesten
schaffen."
Nehlen wollte nichts sagen. Bevor sie hierher gekommen war, hatte sie
sich fest vorgenommen, unter keinen Umständen zu reden. Sollte Madoc
sich darum sorgen, dass die Festung von Zaldir, seine Zuflucht, nicht
so uneinnehmbar war, wie er glaubte. Sie würde stolz und schweigend in
den Tod gehen. Völlig unerwartet fühlte Nehlen sich aber durch Madocs
letzten Satz geschmeichelt.
"Über die Dächer", keuchte sie. "Ich bin über die Dächer gekommen und
war lange hier, als ihr kamt. Auf dem Baldachin über dem Bett lag ich.
Da schauten die Wachen nicht nach, als sie das Zimmer durchsuchten."
Madoc hob die Kerze und beleuchtete den Baldachin von unten.
"Die Wachen gehören ausgepeitscht für ihre Nachlässigkeit", sagte er im
Plauderton. "Jetzt verrate mir eins, kleine Koboldin, was wolltest du
mir stehlen?"
Madoc hielt die Kerze dicht an ihr Gesicht, als wollte er sich kein
noch so kleines Zucken eines Muskels entgehen lassen. Bei jedem seiner
Atemzüge zitterte die Flamme und kam Nehlens buschigen Augenbrauen
bedrohlich nahe. Sie meinte bereits, den stechenden Geruch verbrannten
Haars zu riechen. Soweit ihre Haltung es zuließ bog sie den Kopf
zurück. Madoc folgte ihr mit der Kerze. Die Flamme streifte für einen
Augenblick ihre Wange. Er genoss ihre Angst.
"Einen Ring, Herr."
"Einen Ring." Madoc fing an zu lachen und schaute auf seine Hände, an
denen neben dem Siegelring und noch drei weitere mit kostbaren Steinen
blitzten, seine Knie quetschten ihre Brust noch enger zusammen. "Wohl
gar noch von meinem Finger? Ich sehe dich geradezu vor mir, wie du
jeden Vorsprung in der Mauer ausnutzend wie eine Spinne auf das Dach
gekrochen und hierher geschlichen bist. Zuvor musst du tagelang die
Festung beobachtet haben."
Nehlen konnte nur nicken angesichts der Genauigkeit, mit der er ihr Tun
beschrieb. Die Umklammerung seiner Knie lockerte sich etwas.
"Wo wir gerade so nett beim Plaudern sind, kannst du mir auch noch den
Grund nennen. Ich würde gerne wissen, warum ich einen meiner Ringe
hergeben sollte."
"Eine Mutprobe."
Von ihrem Freund Garsing und wie seine Augen geleuchtet hatten, als sie
mit ihrem Vorhaben prahlte und dass das jedes Risiko wert war, sprach
sie nicht.
Wieder führte Madoc die Kerze an ihrem Kopf und Oberkörper entlang.
Diesmal nicht so dicht, dass die Flamme sie versengte. Er schaute sie
genau an.
"Zu einer der Diebesgilden der Stadt gehörst du nicht. Du trägst kein
Abzeichen. Ich habe auch noch nie gehört, dass sie derartige Mutproben
von jemand verlangen, der bei ihnen Mitglied werden will."
"Nein Herr, keine Gilde."
"Nun sei ´s drum. Fast hättest du deine Mutprobe bestanden. Ich will
dir auch gleich noch sagen, was dein Fehler war: du hast geglaubt, ich
würde nach der Rückkehr von den Kämpfen an der Grenze mit meinen
Gefolgsleuten in der Halle feiern und mich um den Verstand saufen,
damit du leichtes Spiel hast. So dumm ist Madoc nicht. Ein Trunkenbold
hat noch nie einen Thron erobert. Ich war wach, als du auf dem Boden
standest und brauchte nur zu warten, bis du mir genau in die Arme
läufst. Deinen Fehler wirst du mit dem Leben bezahlen, aufgeknüpft an
der Festungsmauer, damit deinen Genossen die Lust auf ähnliche
Mutproben vergeht."
Sie konnte ein Zittern nicht unterdrücken, obwohl Madoc nur das gesagt
hatte, was sie bereits die ganze Zeit wusste. An der Festungsmauer
aufgehängt zuwerden, war die übliche Bestrafung für einen Dieb. Die
Leichen ließ man dort hängen, bis sie halb verwest waren und stanken,
dass es kaum noch zum Aushalten war. Jede Woche kamen neue hinzu und
beileibe nicht nur Diebe. Beinahe jedes Vergehen wurde unter Madocs
Herrschaft mit dem Tod durch Aufknüpfen bestraft. Kobolde hingen selten
über der Festungsmauer. Sie waren schnell und geschickt, wenn es darum
ging den Schergen zu entkommen.
"Wache!" brüllte Madoc.
Er hatte das Wort noch nicht ganz ausgesprochen, als auch schon die Tür
aufflog, und drei kräftige Männer mit Messern und Lanzen in den Händen
hereinstürmten. Mit ihnen wirkte der Raum überfüllt. Nehlen machte sich
klein zwischen Madocs Knien. Sie war froh um seine Gegenwart, denn die
Wachen sahen grimmig aus, als hätten sie gute Lust, sie aufzuspießen.
"Bringt diese Koboldin in den Kerker. Sie hat versucht, mich zu
bestehlen."
Zwei Wachen packten Nehlens Arme. Der dritte Mann, noch größer und
breiter als die anderen, schlug sich mit der rechten Faust an die linke
Schulter. "Sehr wohl, Herr."
Der Kerker war feucht und dunkel. Nehlen konnte ihn mit drei langen
Schritten durchmessen. Für einen Mann wäre er wohl gerade lang genug
zum Hinlegen. In einer Ecke stand ein Aborteimer und in einer anderen
hatte Nehlen einen Haufen fauligen Strohs zusammengeschoben, auf dem
sie schlief. Jeden Tag nahm sie einen Strohhalm und steckte ihn in eine
Ritze zwischen zwei Steine. Fünf Strohhalme steckten bereits dort. Fünf
Tage, in denen ihre Sippe vergeblich auf ihre Rückkehr gewartet hatte,
in denen sich Garsing bestimmt Vorwürfe gemacht hatte, weil er sie
gehen ließ zu dieser unsinnigen Mutprobe.
Nehlen richtete den Blick auf ein kleines Fenster hoch oben unter der
Decke. Ein trüber Lichtschein fiel hindurch. Draußen war entweder
schlechtes Wetter oder die Abenddämmerung brach herein, so genau wusste
sie das nicht. Das Fenster war selbst für eine kleingewachsenen
Koboldin wie sie zu schmal und mit zwei massiven Gitterstäben
verschlossen. Gleich am ersten Tag ihrer Haft hatte Nehlen jede Ritze,
jeden Mauervorsprung ausgenutzt und war hinaufgekrochen. Die Mauer
ihres Gefängnisses war bestimmt so breit wie sie groß war, und die
Gitterstäbe hatten sich nicht um Haaresbreite gerührt, als sie an ihnen
rüttelte. Eine Flucht durch das Fenster war unmöglich.
Die Tür war ähnlich massiv wie die Mauer und wurde nur einmal am Tag
geöffnet, wenn ein schmutziger Wärter ihr eine Schüssel heißes Wasser
hinstellte, in dem ein paar Kohlstrünke schwammen. Suppe nannte er das.
Es war die Tagesration für die Gefangenen. Nehlen schlang die Arme um
ihren Bauch, in dem es heftig rumorte. Sie ließ sich auf dem kalten
Boden nieder und schaukelte vor und zurück. Die Kohlstrünke bekamen ihr
nicht.
Der Riegel wurde zurückgezogen, und die Tür krachte außen gegen die
Wand. War schon wieder Zeit für die Suppe? Nehlen drehte sich nicht um.
Statt dass eine Schüssel auf den Boden geknallt wurde, wurde eine
Fackel in die Halterung neben der Tür gesteckt. Jetzt drehte Nehlen
sich doch um. Nicht der Wärter stand in der Tür, sondern eine von Kopf
bis Fuß in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt. Die Tür schloss
sich hinter ihr.
Als die Gestalt sich die Kapuze vom Kopf zog, erkannte Nehlen Madoc.
Sie zog sich an die Wand zurück.
"Kleine Koboldin." Madoc schaute sich betont langsam um. "Gemütlich
hast du es hier. Wenn du noch länger bleibst, wirst du gar nicht mehr
wegwollen."
Die Hände in die Gürtelschlaufen gehakt stand er breitbeinig vor ihr.
War ihre Zeit gekommen? Kam Madoc selbst, um das Urteil zu
vollstrecken? Stolz und aufrecht wolltest du in den Tod gehen, deiner
Sippe und Garsing Ehre machen, sagte sich Nehlen. Sie richtete sich an
der Wand gerade auf.
"Für deine Mutprobe." Madoc warf ihr einen schmalen Goldring zu.
Reflexartig fing Nehlen ihn auf. Wollte er sie verhöhnen?
"Du bist lebendig für mich wertvoller als tot."
"Wie das?"
"Du kannst für mich arbeiten. Wer es schafft, ungesehen in meine Kammer
zu kommen, der kann auch an andere Orte gelangen. Du bist geschickt. Es
wäre jammerschade, dein Talent auszulöschen."
"Ich soll etwas für euch tun. Was denn?" Nehlen befingerte den Goldreif
in ihrer Hand. Er war schwer und massiv und selbst für ihren Daumen
viel zu groß.
Was sollte sie stehlen für Madoc, was er nicht ohne ihre Hilfe haben
konnte. Gold füllte seine Truhen, den Bauern abgepresste Abgaben seine
Vorratskammern. Söldner lungerten auf den Straßen Zaldirs herum, bereit
ihm in den Krieg zu folgen, das Heer Seldanes zu besiegen und ihm den
Thron zu verschaffen. Nehlen wusste kaum etwas über den Krieg, den
Madoc mit seiner Halbschwester Seldane führte. Sie hatte die Straßen
Zaldirs noch nie verlassen und interessierte sich für das Leben der
Mächtigen nur, wenn es galt, sie um ihren Reichtum zu erleichtern. Der
Ring lag warm in ihrer Hand. Er strahlte für sie genauso viel Licht aus
wie die Fackel.
"Wenn du tust, was ich verlange, bekommst du mehr."
"Und was muss ich tun?" Nehlen konnte das Zittern in ihrer Stimme nicht
verbergen. Sie würde nicht sterben, ihrer Sippe keine Schande machen.
"Das erfährst du noch früh genug." Madoc schlug mit der Faust gegen die
Tür, die sogleich geöffnet wurde. "In drei Tagen bist du wieder hier,
dann werde ich dir sagen, was zu tun ist. Kommst du nicht, werde ich
keine Gnade walten lassen. Wo immer du dich verkriechst, ich werde dich
finden und deine Sippe auch. Nichts wird euch dann retten können."
Madoc gab die Tür frei. Nehlen verstand. Die drei Tage waren ein Test.
Gehorchte sie nicht, war ihr Leben verwirkt und das vieler unschuldiger
Kobolde. Er würde unter ihnen wüten wie ein Rudel Wölfe. Das hatte er
erst im letzten Sommer gemacht, als ein Trupp seiner Soldaten im Wald
bei Antun in einen Hinterhalt von Seldanes Schergen geraten war. Er
hatte Verrat gewittert und alle, die ihn in seinen Augen begangen haben
mochten rücksichtslos verhaften lassen. Täglich hatten damals neue
Leichen an der Festungsmauer gehangen. Nehlen mochte nicht daran
denken, wie viele Unschuldige dabei gewesen waren. Ein paar Kobolde
bedeuteten Madoc nichts. Aber er bot ihr das Leben an, und Gold würde
in ihren Händen sein.
"Nun geh schon!"
Nehlen huschte an Madoc vorbei zur Tür hinaus, die Gänge entlang bis
auf den Festungshof. Niemand hielt sie auf. Das Tor stand einladend
offen. Sie drückte sich an der Mauer entlang und schlüpfte hinaus.
In drei Tagen würde sie zurückkommen und hören, was Madoc von ihr
wollte. Verlangte er etwas, was sie nicht tun konnte, würde sie nur zum
Schein auf sein Angebot eingehen. Das Reich war groß, und Madoc konnte
nicht überall sein. Sie und Garsing und ihre ganze Sippe konnten in die
Wälder oder zu Seldane fliehen.
© Birgit Käker, 2003
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