Das magische Netz

Drache


Der Magier hatte mit seinen Gehilfen die obersten Kammern im höchsten Turm der Burg in Beschlag genommen. Es führte eine steile, enge Wendeltreppe hinauf. Tengwin keuchte bei jedem Schritt. Der oberste Magier Godarol Ak hat diesen Turm mit Absicht gewählt, damit er ungestört war, mutmaßte der neue Herrscher Ban Atais und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Auf dem nächsten Treppenabsatz hielt er inne und schaute nach oben. Das Ende war in schwindelerregender Ferne zu erkennen. Hinunter schauen, um zu sehen, ob er die Hälfte oder mehr der Treppe geschafft hatte, wagte er nicht. Dazu hätte er sich halb umdrehen müssen, und er wagte es nicht, seinen massigen Körper in dem engen Schacht mehr als unbedingt nötig zu bewegen.
Tengwin hätte es sich nie selbst eingestanden, aber die Höhe und Enge des Treppenhauses waren ihm unheimlich. Schnaufend setzte er sich wieder in Bewegung.
»Der Trick ist, nicht nach oben und nicht nach unten zu schauen, sondern immer nur an den nächsten Schritt zu denken«, sagte er zu sich selbst. Aber es war einfacher, sich diesen Rat zu geben, als ihn auch zu befolgen.
Zum Glück war Tengwin allein und keiner seiner Haiptleute konnte hören, wie er mit sich selbst redete, so konnten sie sich zumindest keine Gedanken über den Zustand ihres Herrn machen. Tengwin redete gerne mit sich selbst, achtete aber immer darauf, dass ihn dabei niemand sah. Die Selbstgespräche halfen ihm, die unangenehme Stille zu vertreiben und hatten den angenehmen Nebeneffekt, seine Gedanken zu ordnen.
Die längst Treppe hat einmal ein Ende. Sie führte in einem kleinen Vorraum, von dem drei Türen abgingen. Tengwin wartete, bis sein Atem sich wieder beruhigt hatte und riss dann die mittlere auf. Dahinter lag ein großer nicht ganz halbrunder Raum. An den Wänden standen Regale mit allerlei seltsamen Gegenständen, deren Bedeutung ihm unbekannt waren. Beherrscht wurde der Raum jedoch von einem großen Tisch in der Mitte, auf dem eine Nachbildung Ban Atais aufgebaut war. Sie war noch grob, die Berge nicht mehr als spitze Kegel, die Flüsse blaue gewundene Bänder, die Wälder einfach dunkelgrüne Flächen und die Ebenen hellgrüne. Die Magier würden das Gebilde nach und nach verfeinern und nach Jahren wäre es ein verkleinertes Abbild des Landes.
Das Herzstück des Modells waren aber hellblau leuchtende Kristallsäulen, die in regelmäßigen Abständen aufgestellt waren. Sie standen auch im wirklichen Land an diesen Plätzen; allerdings gab es auch noch Lücken. Die einzelnen Kristallsäulen waren durch filigran wirkende Lichtbänder miteinander verbunden, die einst das ganze Land mit einem magischen Netz überziehen würden. Erst dann konnte Magie ausgeübt werden.
»Wie weit seit ihr mit dem Netz?«, fragte er die drei Magier, die bei seinem Eintritt aufblickten.
In der Mitte stand Godarol Ak, ein Mann so groß wie Tengwin, aber damit endete auch schon die Ähnlichkeit zwischen den beiden. Der Magier war dürr, sein bodenlanges Gewand hing an ihm herunter, als wären dahinter nicht mehr als Knochen. Am schrecklichsten waren aber die mit einer milchigen Schicht überzogenen Augen. Godarol Ak war blind, bemerkte dennoch alles, was um ihn herum vorging. Manche sagten, seine Gehilfen seien seine Augen, andere, er sehe auf magische Weise. Von ähnlicher Statur, aber nicht ganz so groß war sein erster Gehilfe Sento Goron. Der Mann hatte einen kahlen Schädel und sein Alter ließ sich unmöglich schätzen. Der dritte Mann dagegen war von beruhigend normalen Aussehen, ein freundliches rundes Gesicht, zerzauste Haare und eine normale Statur – das war der junge Newis. Er war aus der einzige, der sich bei Tengwins Anblick verneigte. Die anderen beiden wirkten so, als müsse sich eher Tengwin vor ihnen verbeugen.
»Du siehst das Ergebnis.« Godarol Ak deutete mit der Linken auf das Modell.
»Das muss fertig werden. Wir brauchen das magische Netz, um Ban Atai endgültig zu unterwerfen.«
»Sage mir nicht, wie ich meine Arbeit zu tun habe.«
»Die noch zu errichtenden Säulen sind durchweg in unwegsamen Gelände und außerdem werden unsere Leute von einheimischen Widerständlern behindert«, sagte Newis hilfreich.
»Wer hat dir das Wort erteilt«, fuhr ihn Sento Goron an. »Es stimmt aber schon, was der Junge sagt. Aufständische haben sogar eine bereits errichtete Kristallsäule wieder zerstört.«
»Ihr müsst das in den Griff kriegen. Ich brauche das Netz über Ban Atai.«
Mit dem magischen Netz zwischen den Kristallsäulen ließen sich Bodenschätze finden und ausbeuten und alle Arbeiten, die mit Kraft erledigt werden mussten, gingen unter dem Kirstallnetz leichter vonstatten. Seine Soldaten wären sicherer, denn Späher könnten mit kleinen Kristallen ausgestattet werden und so die Aufständischen leichter aufspüren. Vor dem Beginn des Feldzugs hatten Godarol Ak und seine Helfer versprochen, das Netz in wenigen Wochen einzurichten und jetzt waren sie beinahe ein halbes Jahr dabei und es war immer noch kein Ende abzusehen.
Die Leute in Ban Atai waren zäher, als Tengwin zuvor gedacht hatte. Er hatte zuvor einige Grafschaften und Provinzen im Auftrag König Arviner II. Unter seine Kontrolle gebracht. Die Grafen und Gouverneure hatten vor dem Anblick seines Söldnerheers gleich kapituliert, aber die Menschen in Ban Atai gaben selbst nach der Niederlage nicht klein bei. Sie krochen wie Ungeziefer aus den Wäldern und verwickelten seine Soldaten in einen zermürbenden Kleinkrieg.
Godarol Ak gab als Antwort nur ein unverständliches Zischen von sich und beugte sich über das Modell. Der ältere Gehilfe schritt würdevoll um den Tisch herum, es sah aus schwebte er knapp über dem Boden und hielt Tengwin die Tür auf. Nur Newis hatte für den Fürsten eine Verbeugung übrig.
Langsam machte sich Tengwin wieder auf den anstrengenden Weg nach unten. Täglich hatte er seinen Haushofmeister in den Turm geschickt unds dieser war mit den gleichen Nachrichten zurückgekommen, die er auch erhalten hatte. Er hatte sich davon selbst überzeugen wollen.
© Birgit Käker, 2007

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