Die Niederlage

Drache

Blut, Geschrei und Gestank. Davon war der Burghof erfüllt.
Meiron spürte seine Arme nicht mehr. Die Hände umklammerten den Griff des Bihänders, als wären sie mit ihm verwachsen. Das Schwert bewegte sich wie von selbst, griff an, parierte, deckte, brachte seinen Körper dazu zurückzuweichen oder vorzudringen. Er wusste nicht mehr, wie viele Gegner er verwundet oder getötet hatte, aber sie nahmen kein Ende – immer noch quollen mehr von ihnen in den Burghof. Sie wirkten wie Ameisen in ihren grauen Waffenröcken und doch hatte es einer von ihnen geschafft, den König von Ban-Atai zu töten. Der Moment, als sein Vater fiel hatte sich in Meirons Gedächtnis eingebrannt.
Über und über mit Blut bespritzt hatte sich sein Vater gegen eine vierfache Übermacht gewehrt. Er hätte sie alle besiegt, wenn nicht von den Zinnen herab ihn der Pfeil eines hinterhältigen Meuchlers in die Schulter seines Schwertarms getroffen hätte. Seine Hand hatte danach kaum noch das Schwert halten können und es war für die vier ein leichtes gewesen, ihn niederzustrecken. Seine Leiche lag im Hof beinahe bis zu Unkenntlichkeit zerhackt.
Meiron duckte sich unter einem Hieb. Die Schwertspitze kratzte über seine Rüstung und seinen Oberarm, dort hinterließ sie eine blutige Schramme. Der Schmerz gab ihm neue Kraft und Entschlossenheit zurück. Mit einem Aufschrei stürzte sich Meiron auf seinen Gegner und stieß ihm den Bihänder in den Bauch. Der Mann sackte mit einem gurgeln zusammen. Seinen Platz nahm sofort ein neuer ein, fast noch ein Junge. Aus einer aufgeplatzten Augenbraue tropfte ihm Blut über das Gesicht und verlieh ihm ein verwegenes Aussehen. Tatsächlich handhabte er das Schwert aber so ungeschickt, dass er noch nicht lange bei den Truppen des Finsteren Fürsten sein konnte. Trotz seiner Erschöpfung war er für Meiron kein Gegner. Mit einem beinahe beiläufigen Streich streckte er ihn nieder. Danach holte er tief Luft und schaute sich um.
Er erblicke kaum drei Dutzend der Truppen seines Vaters. Jeder der Männer stand in Einzelkämpfe verwickelt mehreren Gegner gegenüber. Wohin sollte das führen? Vor kaum einem Monat war der Finstere Fürst mit einem gewaltigen Heer über Ban-Atai hergefallen. Zuerst hatte er die Grenzstädte erobert. Die Befestigungen hatten seinen Belagerungsmaschinen nicht lange Widerstand entgegensetzen können. Danach hatte er sein Heer geteilt. Die eine Hälfte war von Westen und die andere von Süden auf Banda Atai vorgerückt. Sie hatten die Stadt in die Zange genommen und jetzt standen sie kurz vor der endgültigen Eroberung. Die Mauern der Stadt hatten dem Ansturm nicht mehr als zwei Tage standgehalten. Banda Atai war seit mehr als einem Dutzend Generationen nicht mehr angegriffen worden und die Verteidigungsanlagen waren vernachlässigt worden. Die Verteidiger hatten sich in die Burg zurückgezogen. Deren Mauern waren höher, dicker und in einem besseren Zustand, aber für das schier unübersichtliche Heer der Angreifer kein Problem – es war nur eine Frage der Zeit. Die Zeit von vier Tagen und jetzt würde es zu Ende gehen.
Dicht neben Meiron fiel einer der Leibwächter des Königs. Sein letzter Blick galt ihm. Zwei Männer, deren Gesichter ein Muster aus Narben zierte, hatten ihn niedergestreckt. Einer spuckte auf den Toten. Meiron riss sein Schwert hoch.
»Komm her, du ehrloser Hund!«, schrie er und sprang zwischen die beiden Söldner.
Der gespuckt hatte, lachte und bewegte den Mund als sammele er neue Spucke, diesmal um Meiron damit zu beglücken. Bevor er sein schändliches tun in die Tat umsetzten konnte, sank er von einem Speer in die Seite getroffen zu Boden. Dagol schob sich in Meirons Gesichtsfeld. Er war Hauptmann in der Leibwache seines Vaters. Der ehemaligen Leibwache des ehemaligen Königs, dachte Meiron. So wenig wie es noch einen König in Ban Atai gab, gab es noch die Bärenkrieger, wie die Leibwache sich selbst nannten.
»Der hat bekommen, was er verdient hat.« Dagol war über und über mit Blut bedeckt. Er bewegte sich müde, aber nicht so. als hätte er mehr als ein paar Kratzer erhalten – es war offenbar nicht sein eigenes Blut.
Als der zweite narbengesichtige Krieger sich zwei Bihändern gegenübersah, suchte er das Weite.
»Wenn doch alle so feige wären«, knurrte Dago.
»Es ist wohl nicht mehr viel zu retten.« Meiron sah sich um. Von den drei Dutzend Kämpfern vor wenigen Augenblicken waren kaum noch mehr als zwei Dutzend auf den Beinen. Sein Tod schien das unausweichliche Ende dieses Kampfes zu sein. Zwanzig Jahre alt war geworden. Seit frühester Kindheit hatte er sich im Reiten geübt, im Schwertkampf, im Bogenschießen. Dem Speer hatte er nie etwas abgewinnen können. Außer Dagol bevorzugten ihn nur wenige als Waffe. Er hatte gelernt zu töten, aber an den eigenen Tod hatte er dabei nie gedacht.
Ein angreifer stürmte auf ihn zu, eine Eisenkugel an einer Kette schwingend. Sein linker Arm hing nutzlos herab und er zog das linke Bein nach. Ohne dass die stachelbewehrte Kugel Meiron gefährlich werden konnte, rannte der Mann mitten in sein Schwert hinein. Ein schnelles Ende. Vielleicht sollte er es genauso machen – ein kurzer Schmerz, bevor es vorbei war.
»Das muss nicht das Ende sein!«, rief ihm Dagol zu und zog ihm am Ärmel seines Wamses.
Meiron stolperte hinter ihm her auf den Bergfied der Burg zu. Das gesamte Erdgeschoß nahm die große Halle ein, in der die königliche Familie in friedlichen Zeiten mit ihren Gefolgsleuten getafelt hatte. In den drei Stockwerken darüber lagen Wohn- und Wirtschaftengebäude und ganz oben auf den Zinnen konnte man sich zu letzten Verteidigung verschanzen, um das Unvermeidliche hinauszuzögern.
»Was soll das noch?«, wehrte sich Meiron.
»Komm mit!« Dagol zerrte ihn in die große Halle, wo sie Dunkelheit und eine unnatürliche Stille umgab.
Kaum zu glauben, dass es so etwas in der umkämpften Burg noch gab.
Meiron atmete tief ein. »Wohin bringst du mich?«
»Fort von hier.«
»Fliehen wie ein Feigling. Das werde ich nicht!« Meiron stemmte sich gegen Dagols Griff. Ein Teil von ihm wollte genau das, aber der andere, edlere wollte die Männer im Hof nicht im Stich lassen.
»Keine Flucht«, keuchte Dagol. »Das ist nicht das Ende von Ban Atai. Ihr müsst leben und den Menschen Hoffnung geben.«
»Hoffnung worauf?«
»Dass unser Land eines Tages wieder von seinem rechtmäßigen König beherrscht wird.«
»Mein Vater ist tot.«
»Kommt! Wir haben keine Zeit!«
Am Tor hinter ihnen hörten sie das Scharren von Soldatenstiefeln auf Stein.
»Da sind sie!«, rief eine junge Stimme.
»Haltet sie auf!«, eine etwas ältere.
Meiron ließ sich von Dagol weiterziehen. Er war wie betäubt. Was hatte der Hauptmann vor? Die Tische und Bänke waren auf die Seite geräumt, An den Wänden hingen Seidenteppiche, die Generationen fleißiger Frauenhände geknüpft hatten. In den beiden großen Kaminen lag noch die Asche. Meiron konnte nicht sagen, wann dort zum letzten Mal Feuer gebrannt hatten. Es schien Jahre her zu sein.
»Euer Vater ist tot, Ihr seid der neue König von Ban Atai.« Dagol zog ihn weiter in die Schatten hinter einem Vorhang hinter dem Thron.
Meiron ließ es geschehen. Er war der neue König. Er war dazu erzogen, eines Tages König zu sein, aber niemand hatte ihn darauf vorbereitet, dass es auf diese Weise geschehen würde. Er war wie betäubt. Dagol öffnete eine Klappe an der hinteren Wand. Sie befand sich hinter einem weiteren Vorhang und obwohl sie aus Holz war, war sie von der Steinwand nicht zu unterscheiden. Hier war Magie am Werk, erkannte er.
Hinter der Klappe befand sich ein schmaler Gang, in den Dagol ihn hineinschob. Er schloss die Klappe wieder und sperrte das letzte bisschen Licht aus. Im Finsteren krochen sie hintereinander her. Meiron stieß sich mehr als einmal den Kopf, die Schultern und die Ellenbogen.
»Acht...« Dagol wollte ihn warnen, aber es war zu spät – schon ging es steil bergab.
Meiron stürzte, rutschte, rollte den Gang hinunter. Das Schwert hatte er loslassen müssen, es sauste vor ihm durch den Gang, er hörte Metall auf Sein scheppern. Die Burg lag auf einem Berg und wieder dieser Weg hinausführte, musste er nach unten führen. Er versuchte sich an den Wänden festzuhalten und gleichzeitig im Gang vorwärtszukommen. Dagol spürte er dicht hinter sich und das gab ihm Sicherheit.
Der Gang endete im Keller eines Hauses neben Fässern, die an der Wand aufgestapelt waren. Es roch durchdringend nach Bier. Meiron leckte sich über die trockenen Lippen und spürte, wie durstig er war.
»Was ist das für ein Haus?«, fragte er, als er sich aufrichtete. Knie und Ellenbogen schmerzten ihn beinahe mehr, als die vielen kleinen Kratzer und Schnitte, die er im Kampf davon getragen hatte.
»Vor dem Überfall war es mein Haus. Jetzt wird es sich irgend jemand angeeignet haben.« Dagol zuckte mit den Schultern, als wäre der Verlust eines Hauses nicht schlimmer als ein Mückenstich. »Wir müssen diese Sachen ausziehen und uns das Blut abwaschen.
Dagol ließ dem Prinzen keine Zeit, noch etwas wegen des verlorenen Hauses zu sagen, er führte ihn eilig durch einige Keller zu augestapelten Mehlsäcken. Er betastete die Säcke.
»Den Göttern sei Dank, er ist noch da«, murmelte er und zog einen der Säcke aus dem Stapel heraus.
Der Sack war so leicht, er konnte unmöglich Mehl enthalten. Dagol hatte schon vorher an alles gedacht. Als er seinen Dolch zog und den Sack aufschnitt, quollen Kleider heraus, weite, abgetragene Kleidung, wie sie Handwerksburschen tragen mochten.
Mit seinem Waffenrock, dem Kettenhemd streifte Meiron auch seine Identität ab. Er war nicht mehr der Prinz von Ban Atai, er war nur noch ein einfacher Einwohner, der versuche so gut es ging, durch diese schwere Zeit zu kommen. Sie wischten sich das Blut von den Gesichtern und verließen den Keller durch einen Nebeneingang, der in eine kleine Seitengasse mündete.
Plündernde Söldnerbanden marodierten durch die Stadt, grölten trunken und rafften aus den Häusern, was sie tragen konnten. Sie zwangen die Bevölkerung, ihnen als perverses Vergnügen und schleiften mehr als eine Frau nackt durch die Straßen. Meiron ballte die Fäuste, als er diese Zustände sah.
Vier Soldaten trieben ein junges Mädchen vor sich her. Ihre Hände waren gefesselt, Tränen liefen über ihr Gesicht und flehte um Gnade. Das war zuviel für Meiron. Er wollte sich auf die Männer stürzen. Dagol konnte ihn gerade zurückhalten und wenn er nicht Hauptwache der Leibwache gewesen wäre, vor dem Meiron Respekt hatte, wäre es ihm nicht gelungen.
»Ihr könnt ihr nicht helfen, so schlimm es auch ist. Wir werden uns nur verraten und dann ist alles aus«, zischte er.
Einer der fremden Soldaten reagierte. Er hielt Meiron ein schartiges Kurzschwert entgegen. »Willst du was?«
Dagol schüttelte für den Prinzen den Kopf und zog ihn rasch weiter. »Wir dürfen keine Aufmerksamkeit auf uns lenken, sondern müssen die Stadt unerkannt verlassen.«
»Aber das ist ...«
»Das ist das hässliche Gesicht des Krieges. Schaut nicht hin.«
Wie konnte er nicht hinschauen. Obwohl es eigentlich unmöglich war und alles in ihm danach schrie, den armen Leuten zu helfen, schaffte es doch, Dagols Worte zu befolgen.

Bei Einbruch der Dunkelheit waren viele Soldaten in der Stadt so betrunken, dass sie nicht mehr auf den Beinen stehen konnten. Es wäre ein leichtes gewesen, sie umzubringen, wenn die Leute nur etwas mehr Mut gehabt hätten.
Auf Meirons entsprechenden Vorschlag hin schüttelte Dagol den Kopf. »Das sind nur zügellose Hilfstruppen. Die regulären Truppen haben die Handelskontore besetzt, die Burg und die wichtigen Häuser oder lagern vor der Stadt. Selbst wenn sie nicht zu sehen, würden sie einem derartigen Treiben schnell ein Ende setzen und nichts wäre gewonnen.«
Meiron sah ein, dass der Hauptmann recht hatte. Mit einem bitteren Blick schaute er zur Burg hinauf, dort wehe die Fahne des Eroberers. Ein roter Greif auf schwarzem Grund. Rot wie das Blut, das er über Banda Atai gebracht hatte. Der Finstere Fürst – die Götter sollten ihn zerschmettern.
Still und leise wie Schatten krochen sie krochen sie in einem der Elendsviertel über einen Schuttberg, der einst die Stadtmauer gewesen war. Es stank nach Tod Unrat. Meiron atmete so flach wie möglich, aber er konnte den Geruch nicht aus der Nase bekommen. Nie wieder würde er ihn vergessen.
Links von ihnen schimmerten die Lagerfeuer eines der beiden feindlichen Lager. Dagol führte ihn ihm Schutz der Dunkelheit daran vorbei. Sie richteten sich erst auf, als sie den Wald erreicht hatten.
»Es werden mehr kommen«, flüsterte Dagol in das Rascheln der Blätter hinein.
»Wer wird kommen?«
»Männer, vielleicht auch Frauen, die das Schicksal nicht einfach so hinnehmen wollen, die aus Ban Atai wieder das machen wollen, was es noch vor einem Mond gewesen war.«
»Wer wird das sein? Bauern und Handwerksburschen. Was sollen die gegen eine Armee nützen?«
»Mehr als ihr jetzt denkt. Ihr dürft einfache Leute nicht unterschätzen, wenn sie für ihr Land kämpfen.«
»Sie werden nicht einmal Waffen haben.«
»Waffen kann man herstellen und lernen, mit ihnen umzugehen. Ihr müsst sie führen, Ihr seid jetzt der rechtmäßige König von Ban Atai.«
»Ich – der König.« Dieser Gedanke war Meiron noch gar nicht gekommen. Aber es stimmte, er war der Thronerbe, auch wenn der Thron im Augenblick nicht mehr war als der Boden auf dem er stand. »Die Magier werden auf unserer Seite stehen.«
»So gefallt ihr mir schon besser, mein König.« Dagol lächelte bei diesen Worten.
»Nenne mich nicht so. Solange wird die Feinde nicht aus dem Land getrieben haben, bin ich einfach Meiron.«
»Für das Volk werdet ihr nie einfach Meiron sein, Meiron.« Der Hauptmann schlug ihm auf die Schulter und machte sich auf den Weg tiefer in den Wald hinein.
Obwohl Meiron den Wald kannte wie eine Tasche seines Wamses, verlor er die Orientierung. Er stolperte einfach hinter dem Hauptmann her. Woher nahm Dagol nur seine Kräfte? Der Ältere schritt unermüdlich voran.
»Wohin gehen wir?«
»Zum verborgenen Tempel der Magier.«
Der verborgene Tempel der Magier hieß so, weil er verborgen war. Nur die Magier selbst wussten ihn zu finden. Meiron sage das.
»Ihr seid der König. Für Euch gibt es keine verborgenen Orte in Ban Atai.«
Es gab die Sage, dass der wahre König alles wusste über sein Land und nichts ihm verborgen blieb, kein Ort, kein Wesen. Meiron horchte in sich hinein. Sein Vater hatte nie über diese Seite des Königtums gesprochen, und auch Meiron spürte nichts.«
»Ich weiß nicht, wohin wir gehen müssen.«
»Das wird noch kommen.«
Dagols Zuversicht tat dem jungen Mann gut. Sie setzten sich wieder in Bewegung.
© Birgit Käker, 2007

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