Tengwins Wahl

Drache

»Mein Herr.« Sein Leibdiener verneigte sich tief vor ihm. »Es sind neue Gefangene angekommen. Wenn Ihr sie sehen wollt, sie warten im Hof.«
Warum nicht! Vielleicht war etwas dabei, das ihn zwischen all den schlechten Nachrichten, die er täglich erhielt, aufheitern konnte. Schlimmstenfalls waren sie alle jämmerliche Gestalten und er konnte sich an ihrer Furcht weiden, bevor er sie in die Minen schickte.
»Hilf mir auf.« Tengwin stemmte seine massige Gestalt hoch und ließ sich von seinem Diener auf die Füße ziehen.
Dessen Miene war ausdruckslos. Viele Jahre als Leibdiener eines Herrschers hatten ihn gelehrt, nichts von seinen Gedanken preiszugeben. Tengwin wusste, dass sie hinter seinem Rücken tuschelten und ihn »den Dicken« nannten. Er war bereits versucht gewesen, sie alle im Hof antreten zu lassen und jeden vierten von ihnen zu köpfen. Das würde sie lehren, von ihm nicht mehr als »dem Dicken« zu denken, aber bei seinem Glück würde es gerade die treffen, auf deren Dienste er am wenigsten verzichten wollte. Langsam auf seinem Diener gestützt verließ er die Thronhalle.
»Es sind einige hübsche Mädchen dabei«, plauderte der.
Was sollte er mit jungen Mädchen? Davon hatte er einen ganzen Sack voll, eine hübscher und dümmer als die andere.
»Oder auch Knaben, wenn Ihr wollt.«

Im Hof standen die Gefangenen in Dreierreihen, Es mussten mehr als hundert sein. Soldaten mit Peitschen umkreisten sie und versetzten hin und wieder einem einen Hieb. Tengwin schubste seinen Leibdiener von sich, ließ sich statt dessen einen Stock reichen und ging auf ihn gestützt durch die Reihen. Zwei Soldaten die Peitschen schlagbereit in der Hand begleiteten ihn.
Kinder an der Schwelle zum Erwachsensein standen vor ihm, gestandene Männer und Frauen bis hin zu zahnlosen Alten. Seine Soldaten hatten ganze Arbeit geleistet, er sollte ihnen eine Belohnung zukommen lassen: eine Solderhöhung für zwei Monate und ein oder zwei Beförderungen. Das würde die übrigen anspornen. Vielleicht würden sie dann endlich mit dem Rebellengezücht aufräumen.
Die Gefangenen stanken nach Furcht. Wenn er an ihnen vorbeiging, starrten sie auf ihre Fußspitzen, als könnten sie so seinen Blicken entgehen. Tengwin lächelte. Menschen, die Furcht vor ihm hatten, das war ein Gefühl der Macht, besser als jeder Höhepunkt beim Liebesspiel. Vor einem kräftigen Mann blieb er stehen.
Er war nur eine Handbreit kleiner als Tengwin selbst, seine Hände groß wie Schaufelräder, einen Kinderkopf könnte er zwischen ihnen mit Leichtigkeit zerquetschen.
»Was weißt du über die Rebellen?«
»Nichts, Erhabener.« Seine Stimme zitterte so stark, er war kaum zu verstehen.
»Ich habe dich nicht verstanden!«
Der Gefangene schluckte. »Nichts, Erhabener.«
»Du lügst!«
»Ich weiß wirklich nichts.«
»Wahrscheinlich bist du einer von ihnen.«
»Nein, Erhabener. Ich habe Eurer Sache immer treu gedient.« Der Mann fiel vor ihm in den Staub und umklammerte Tengwins Knöchel. »Ich war ein Schmied, ich kann die Waffen und Rüstungen Eurer Soldaten ausbessern.«
Ein Wächter eilte mit erhobener Peitsche herbei.
»Ich habe genug Schmiede und brauche keinen winselnden Köter wie dich.« Tengwin trat nach dem Mann.
Ein Peitschenhieb zischte über dessen Rücken. Der Wächter packte den Mann am Kragen und zog ihn von fort.
»In die Minen mit ihm!«
Sie führten den wimmernden und sabbernden Mann weg. Der Gestank nach Furcht vertiefte sich, als Tengwin weiter die Reihen entlang ging. Er hob hier und dort ein Kinn an und schaute in verängstigte Gesichter. Es waren seinen Soldaten wirklich einige hübsche Mädchen ins Netz gegangen und auch Knaben. Aber keine reizte ihn.
In der letzten Reihe stand eine einfach gekleidete Frau, die die Dreißig bestimmt hinter ihn gelassen hatte. Als einzige unter allen hundert Gefangenen blickte sie nicht zu Boden, sondern sah ihm ins Gesicht. Tengwin blieb vor ihr stehen und musterte sie. Das Haar hing ihr strähnig ins Gesicht, sie war nicht hübsch und brauchte dringend ein Bad, aber sie hielt seinem Blick stand.
»Hast du keine Angst vor mir?«
Sie blinkerte nicht einmal mit den Augen.
»Ich muss nur ein Wort sagen und du liegst tot ihm Staub.«
»Ihr habt mir meinen Mann und meine beiden Söhne genommen, ich habe vor nichts mehr Furcht.«
»Wie heißt du?«
»Una. Wir hatten einen Hof im Jastratal.«
Wie eine Bäuerin sah sie auch aus. Ihre Hände waren voller Schwielen, bemerkte Tengwin. Sie ballte sie zu Fäusten, als sie seines Blickes gewahr wurde. Die beiden Soldaten hinter ihm traten näher heran, aber auch davon ließ sie sich nicht einschüchtern. Die Frau begann, ihn zu interessieren. Er konnte die Häme der Umstehenden spüren, dass sie ihm aufgefallen war.
»Du weißt, wer ich bin?«
»Der schmutzige Eroberer dieses Landes. Unrechtmäßig seid Ihr in Ban Atai eingefallen und bringt Frauen und Kinder um. Wen Ihr nicht tötet, den schickt Ihr in die Minen – so wie den Mann da vorne.«
Einer der Soldaten wollte ihr einen Hieb versetzten, aber Tengwin bedeutete ihm, es nicht zu tun. »Ich herrsche jetzt über dieses Land, und ein Herrscher ist man nicht deshalb, weil man zu allen nett und freundlich ist. Wer sich mir widersetzt, der wird getötet, so einfach ist das.«
»Ich wünschte, ich würde zu den Rebellen gehören, dann würde ich nicht wehrlos vor Euch stehen.«
Sie hatte wirklich Feuer. Sie zu zähmen, mochte eine lohnenswerte Aufgabe sein. Er kannte ein paar Praktiken, die Frauen wie sie wie läufige Hündinnen winseln ließen. »Diese Frau will ich heute Abend gebadet und angemessen gekleidet in meinen Räumen haben.«
Einer der Soldaten packte sie grob am Oberarm. Sie wehrte sich und er packte fester zu. »Du hast gehört, was der Herr bestimmt hat.«
Er zog sie mit sich fort. Sie drehte sich noch einmal um. Ihre Augen schossen Blitze.
»Ihr könnt vielleicht diesen Körper besitzen, aber niemals mein Herz!«
Sie war melodramatisch! Gut – die melodramatischen gefielen ihm, sie waren für manche Überraschung gut. Es versprach ein interessanter Abend zu werden, und in die Minen konnte er sie immer noch schicken.
© Birgit Käker, 2008

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