Timons Versprechen |
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»Du bist dran.« Ein untersetzter Mann mit einer Peitsche in der Hand trat auf Lygia zu.
Sie stand von de wackeligen Schemel auf und wartete. Ihre Hände waren vor dem Körper mit einem Strick zusammengebunden.
»Geh! Raus mit dir.« Er stieß sie mit dem Peitschenstiel an.
Auf diese Weise angetrieben verließ Lygia den dunklen Verschlag, in dem sie mit anderen Sklaven auf ihren Verkauf gewartet hatte. Wimmern und Klagen begleiteten sie. Sollten sie doch weinen und sich vor der Zukunft fürchten, für sie hatte das alles heute ein Ende. Obwohl es ein trüber Herbsttag in Rom war, blendete sie die Helligkeit nach dem dunklen Verschlag. Sie kniff die Augen zusammen und stolperte auf den nur als Silhouette zu erkennenden Sklavenverkäufer zu. Es war ein gut gekleideter und parfümierter Grieche, der eben eine verkauften Knaben wegschob und nun nach ihrem Arm griff.
»Eine Frau von spanischem Blut haben wir hier. Sklavin aus dem Hause des ehrenwerten Senators Titus Cornelius Severus.« Der Grieche schob sie an den Rand der Verkaufsbühne und sorgte dafür, dass sie die Schultern zurücknahm, damit ihr Busen besser zur Geltung kam.
»Ganz schön alt«, rief jemand aus dem Publikum, andere lachten, als hätte er einen guten Witz gemacht.
Lygia entdeckte den Sprecher nicht in den gedrängt stehenden Menschenmenge, aber sie suchte auch nur nach einem dunklen Schopf. Den fand sie auch nicht. Er ist da, er hat es fest versprochen, beruhigte sie sich.
»Das ist nur die Trauer über den Tod ihres Herrn, die lässt sie älter aussehen.«
Wie glattzüngig dieser Grieche log. Sie war froh über den Tod des alten Bocks Severus, der sich immer jüngere Mädchen ins Bett geholt hatte. Zum Glück hatte er sie nie angerührt. Aber so waren die Griechen, wenn sie einen Vorteil herausschlagen wollten, kannten sie keine Moral. Ihr Timon war anders, er war auch nur von seiner Mutter her Grieche, sein Vater war Illyrier – nur dass sie ihn immer noch nicht entdeckt hatte unter den Kaufinteressenten, machte ihr Sorge. Jahrelang hatten sie den heutigen Tag geplant.
»So jung ist sie nicht mehr, dass sie fürs Vergnügen taugt, was kann sie?«, fragte ein anderer.
»Vieles. Sie kann schreiben und lesen und hat sich um die Töchter des Senators gekümmert. Sie kann die Falten eines Gewandes richtig legen und eine Dame frisieren.«
Das war schon wieder übertrieben. Sie konnte lesen und schreiben, aber um die Töchter des Senator hatte sie sich nur so lange gekümmert, wie sie in der Wiege lagen. Zuletzt hatte sie in der Küche gearbeitet und die Herrschaft nicht mehr zu Gesicht bekommen. Nach dem Tode des Senators wurde der Haushalt verkleinert und sie war unter den Sklaven gewesen, die verkauft werden sollen. Sie hatte Timon eine Nachricht zukommen lassen und ihm Tag und Ort genannt.
»Wer bietet eintausend Sesterzen für diese gut ausgebildete Frau? Sie ist jede einzelne Sesterze wert.«
Ruhe legte sich über die Schar der Kaufinteressenten. Einige schauten zu Boden, andere konzentrierten sich darauf, auf keinen Fall die Hand zu heben. Eintausend Sesterzen war kein geringer Preis, aber Timon musste so viel haben. Zuletzt hatte sie von ihm gehört, dass er mehrere Kolonnen von Straßenkehrern beschäftigte und rund ums Forum arbeitete. Das musste ihm genügend Geld einbringen, um sie kaufen zu können.
Bona Dea, er hatte es geschworen. Warum gab er kein Gebot ab. Lygia unterdrückte einen Seufzer.
»Neunhundert Sesterzen für sie«, reduzierte der Grieche den Preis.
»Ich biete achthundert.« Ein Mann drängte sich nach vorne.
Timon. Auf den zweiten Blick erkannte Lygia, dass er es nicht war. Der Mann war kaum größer als sie – und sie war klein und zierlich – hatte weiche, schlaffe Haut und einen Bauchansatz. Er war das genaue Gegenteil von Timon.
Aber natürlich. Auf einmal fiel es ihr Schuppen von den Augen, Timon hatte einen Strohmann geschickt, damit niemand etwas von ihrem Plan erfuhr. Schlauer Fuchs.
»Achthundert Sesterzen sind geboten. Bietet noch jemand mehr? Schaut sie euch an. Sie ist mehr wert.« Der Grieche zog an dem Band, das den Ausschnitt ihrer Tunika zusammen hielt. Ehe sie es verhindern konnte glitt der Stoff über ihre Schultern herab.
Lygia zitterte – vor Scham und vor Kälte, als sie den gierigen Blicken der Männer ausgesetzt war. Sie wollte die Tunika wieder hochziehen, aber der Blick des Griechen warnte sie, es zu tun.
»Neunhundert!«, rief eine andere Stimme aus der Menge.
»Auf nackte Brüste bietet der gute Primus Pullo immer«, feixte jemand.
»Tausend«, bot wieder der Mann vor der Bühne. Er starrte ebenfalls ihren Busen an.
Das war ekelhaft.
»Tausendeinhundert.« Die Stimme von Primus Pullo.
»Tausendzweihundert.«
»Hundert drauf.«
»Tausendvierhundert.«
Der Grieche rieb sich die Hände. Einer von beiden musste von Timon geschickt worden sein, dachte Lygia. Sonst würden sie sich nicht so hoch bieten. Sie atmete auf. Es machte ihr nicht mehr so viel aus, dass alle ihre Brüste sehen konnte. Sollten sie doch starren, in wenigen Augenblicken hätte sie es überstanden.
»Tausendfünfhundert.«
Wenn sie doch nur wüsste, ob dieser Primus Pullo oder der Mann vor der Bühne Timons Strohmann war. Sie warf dem vor ihr stehenden Mann ein schüchternes Lächeln zu.
»Tausendsechshundert«, sagte er prompt.
»Das reicht mir jetzt. So viel wert ist sie nicht«, erklang die spöttische Stimme von Primus Pullo, begleitet vom Lachen seiner Freunde.
»Bietet noch jemand mehr?« Der Grieche sah sich um.
Niemand hob die Hand.
»Verkauft für tausendsechhundert.« Er beugte sich zu dem Käufer herunter. »Du hast eine gute Wahl getroffen, Culio. In welches Haus soll ich sie schicken?«
»Gib sie gleich her.«
Lygia folgte dem kleinen Culio durch das Gedränge auf dem Esquilin und wartete jeden Augenblick darauf, dass er ihr sagte, wo Timon auf sie wartete. Als er schwieg, fragte sie: »Wohin bringst du mich?«
»Zum Haus des ehrenwerten Marcus Tullius Cicero. Du wirst seiner Frau Terentia zu Hand gehen. Sie mag die jungen Dinger nicht, aber du wirst ihr gefallen.«
Das – das konnte nicht wahr. Lygia blieb stehen und schlug die Hände vor den Mund. Ein Wasserträger rempelte sie an und spritzte sie nass. Er ließ einem derben Fluch, ehe er weiter eilte.
Culio drehte sich um. »Was ist los. Sieh, was du angerichtet hast.« Er zeigte auf das nasse Kleid.
»Das ist nicht wahr.«
»Du brauchst keine Angst haben. Wenn du deine neue Herrin zufrieden stellt, ist sie nett. Also komm jetzt.«
»Du kannst mich nicht für Terentias Haushalt gekauft haben.«
Es musste ein Scherz sein. Gleich würde er sie an den Ort bringen, wie Timon wartete.
»Was denkst du denn. Ich brauche dich nicht. Ich habe lieber was Jüngeres zwischen den Beinen.«
»Bock.«
So gefällst du mir besser, wenn du ein bisschen Feuer zeigst.«
»Ich zeige dir gleich was. Du bringst mich sofort zu Timon.« Sie trat auf ihn zu und machte sich so groß wie möglich.
Culio packte ihren Arm, und obwohl er klein war, hatte er die Kraft eines Ochsen. »Ich bringe dich zu deiner neuen Herrin, wenn du dir was anderes erhofft hast, kann ich es nicht ändern.«
Eine Schar Neugieriger hatte sich um sie versammelt, die ersten machten hämische Bemerkungen, dass er es gleich auf der Straße versuchen solle. Culio zog Lygia weiter.
Sie folgte ihm wie betäubt. Wenn er die Wahrheit sagte ... Timon hatte es versprochen, ganz fest hatte er es versprochen. Erst kaufe ich mich frei und wenn ich genug Geld beisammen habe, hole ich dich zu mir. Du wirst auch frei sein und meine Frau sein. So hatte sie seine Worte im Ohr, als sie ihm mein kleine zusammengespartes Vermögen gab. Seit er sich frei gekauft hatte, hatte sie nichts mehr von ihm gehört, aber das hatte nichts zu bedeuten, es gab doch sein Versprechen. Bei Jupiter hatte er es gegeben.
Auf einmal nahm Lygia eine bekannte Gestalt in der Menge wahr. Kräftig war sie und wohlproportioniert. So sah nur einer aus – Timon. Sie wollte rufen und winken, aber da entdeckte sie an einer Seite eine schlanke, blonde Frau, eigentlich nur ein Mädchen. Er hatte einen Arm um ihre Hüften gelegt, und sie schmiegte sich an ihn. Der halb erhobener Arm sank wieder herab.
Denn musste Timon ihren Blick bemerkt haben, denn er sah zu ihr und wandte dann schnell den Kopf ab. Sein Mädchen zog er mit sich, als er in der Menge verschwand.
Mehr Erklärungen brauchte sie nicht mehr, Culio war kein Strohmann.
© Birgit Käker, 2008
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