Ulrikas Fluch

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Das vertraute Gefühl überkam Notker. Er spürte ein Reißen, Zerren, Quetschen an seinem Körper. Seine Kleidung lag in einem ordentlichen Haufen neben ihm, nur das Lederband mit dem Kristalltropfen trug er noch um den Hals. In einer vom Mondlicht beschienen Pfütze beobachtete er, wie sein Kopf flacher wurde, die Ohren spitzer, Mund und Nase verlängerten sich zu einer Schnauze mit scharfen Reißzähnen. Die Beine knickten in den Hüftgelenken ein und überall sprossen ihm Haare durch die Haut. Statt eines Seufzers entrang sich seiner Kehle ein Knurren.
Notker ließ sich auf alle Viere sinken und warf einen Blick in den Himmel. Als blasse Scheibe hing dort der Mond. Er nahm Witterung auf, er fletschte die Zähne und Geifer tropfte aus seinem Maul. In seinen Eingeweiden wühlte die Gier nach frischem Blut und Fleisch. Der Geruch von Schafen und Kühen - noch ahnungslos auf ihren Weiden - ließ ihn seine letzten menschlichen Instinkte vergessen. Er streckte die Glieder und rannte mit langen Sprüngen am Waldrand entlang. Er ließ soviel Raum wie möglich zwischen sich und den letzten Häusern des Dorfes.

Viel später lag er zwischen Büschen versteckt und stützte die Schnauze auf die Vorderpfoten. Seine Gier hatte er an einem Schaf gestillt.
Die Hexe Ulrika füllte seine Sinne aus. Dieser Hass auf die Frau, die ihn verflucht hatte, weil er ihre Tochter mit den vorstehenden Zähnen und den flachen Brüsten nicht hatte heiraten wollen. In seinem alten war er Schäfer gewesen, wäre die meiste Zeit des Jahres mit den Tieren unterwegs gewesen, statt bei seiner Frau, aber er hatte Ulrikas Drohungen nicht ernst genommen.
Seine Ohren zuckten, als er bis zum Waldrand robbte, um auf Christine zu warten. Sie hatte versprochen, heute Nacht zu ihrem geheimen Treffpunkt zu kommen. Seine Christine mit den braunen Locken und den runden Backen, auf denen sich Grübchen bildeten, wenn sie lachte. Und dagegen Ulrikas Tochter ... Ein Schauder lief über sein Fell. Seine Pfoten zuckten. Er wollte aufspringen und zu Christine laufen. Seit ein paar Monaten trafen sie sich heimlich, hielten sich an den Händen, lehnten die Köpfe aneinander, und er hatte auch schon einmal die Hand auf ihren Busen gelegt. Sie würde ihm helfen, Ulrikas Fluch zu überwinden, aber er musste geduldig sein und vorsichtig.
Zwischen den Häusern erspähte Notker einen Schatten. Langsam verschwand er zwischen den Hecken des Hohlweges. Das musste Christine sein. Durch Notkers Fell lief ein Zittern.
Er erhob sich und schlich geduckt durch das Gras von der anderen Seite in den Weg. Der Mond warf gespenstische Schatten auf die Erde. Notker hörte die Tiere der Nacht durch das Gras huschen. Sie rochen ihn und flüchteten. In dieser Gestalt liebte er es, wenn sie Angst vor ihm hatten. Er roch Schafe. Geifer tropfte ihm aus dem Maul. Die Gier nach Blut und Fleisch drohte wieder von ihm Besitz zu ergreifen. Mit einem wilden Knurren verbannte er sie in den hintersten Winkel seines Bewusstseins und trabte über die festgetretene Erde des Weges. Noch zwei Kurven macht der Hohlweg, bis er bei ihr sein würde.

Vor der letzten Biegung blieb Notker stehen. Er durfte nichts überstürzen, obwohl er Christine am liebsten in die Arme gesprungen wäre. Er duckte sich in den Schatten der Büsche und schob vorsichtig den Kopf um die Ecke.
Seine Sinne waren viel schärfer, als die der Menschen und er sah im Dunkeln besser als sie. Das waren die einzigen Vorteile dieses Daseins. Von Christine in der Nische sah er nur ihre nackten Füße und einen Teil ihres Rockes. Daneben schaute der Stecken hervor, den sie tagsüber zum Gänsehüten benutzte. Vorsichtiges Mädchen. Geduckt schlich er weiter. Mit jedem Schritt verwandelte sich seine Freude über ihr Kommen mehr in Sorge. Neben ihrem Geruch nach Heu und Gänsen nahm er auch den Gestank der Angst wahr. War sie doch nicht bereit, ihn zu erlösen und hatte sie deshalb den Stecken mit gebracht? Oder war alles nur Angst vor der Dunkelheit?
Ihre Stimme begann dünn das Lied von der "Schlüsselblume auf der Heide" zu singen. Notker Herz beruhigte sich. Es war nur ihre Angst vor der Dunkelheit gewesen, die er gerochen hatte. Sie war seine Christine. Das Schicksal hatte sie für einander bestimmt.
Er jaulte leise. Das waren seine einzige Möglichkeit, ihren Gesang zu begleiten. Christine verstummte, und er sah sie nach dem Stecken greifen.
"Wer ist da? Notker, bist du das? Treib keine Scherze mit mir."
Zwei schnelle Schritte brachten Notker vor die Nische. Er warf sich auf den Rücken und bot ihr die ungeschützte Kehle dar. Dabei winselte er leise. Aus dem Augenwinkel sah er Christine zurückzucken
"Ein Wolf!", schrie sie mit überschnappender Stimme.
Sie drückte sich in die Büsche hinter ihr und hielt ihm den Stecken entgegen. Sie musste doch sehen, dass er es war, ihr Notker. Er winselte lauter und klopfte mit der Rute wie ein Hund auf den Boden.
"Bleib mir vom Leib, du Untier. Ich erschlage dich!"
Notker rollte sich ein Stückchen zur Seite, ließ das Mondlicht auf sein Fell an Hals und Brust bescheinen. Der Kristalltropfen, den Christine ihm als Unterpfand ihrer Liebe geschenkt hatte, hing da. Das Mondlicht reflektierte glitzernd den Tropfen..
Christine sah es. Sie verstummte, und senkte den Stock ein Stück.
"Notkers Tropfen. Du trägst Notkers Kristalltropfen."
Ich bin Notker, wollte er rufen, komm näher und fühle es. Vielleicht hatte sie ihn doch verstanden, denn sie ließ den Stab fallen und machte einen halben Schritt auf ihn zu.
Näher, komm noch näher, dachte Notker so intensiv, dass er das Gefühl hatte, ihm müsse gleich der Schädel zerspringen. Unaufhörlich klopfte er mit seiner Rute auf den Boden.
"Der Tropfen. Aber du bist ein Wolf."
Du musst mich erlösen mit deiner Liebe. Er winselte mit aus dem Maul heraushängender Zunge.
Und Christine, die Gute, die Brave, verstand ihn und kniete sich neben ihn.
Fass mich an, bettelten Notkers Augen. Wenn sie ihn in dieser Gestalt in Liebe umarmte, nähme das Ulrikas Fluch von ihm.
Eine ihrer Hände griff in sein Halsfell. Ein Schauder rann durch Notkers Körper, und er krümmte sich zusammen. Ihr Geruch betäubte ihn beinahe. Noch nie hatten ihn die Hände einer Frau in einer Vollmondnacht berührt.
Nach Wolfsart schnappte er spielerisch nach Christines Hand. Kaum spürte er ihre Finger in seinen Fängen, brach sich seine mühsam zurückgehaltene Gier nach Fleisch und Blut Bahn. Er sprang auf und ein drohendes Knurren kam aus seiner Kehle.
"Notker!" Christine riss die Hand aus seinem Maul. Blutige Furchen bleiben auf der Haut zurück. Sie kniete starr vor Schreck auf der Erde, während er zum Sprung ansetzte.
Notker prallte gegen ihren Körper und riss sie vollends zu Boden. Mit seinen Hinterläufen stieß er sich kräftig wieder ab und setzte über Christine hinweg. Er rannte in die Nacht hinein. Ihr Geruch verfolgte ihn noch lange.
Er rannte! Fort von Christine und allem, was er gekannt hatte. Längst stachen seine Lungen, und die Pfoten wollten vor Erschöpfung erlahmen. In eine hatte er sich einen spitzen Stein eingetreten, und sie schmerzte höllisch. Er kümmere sich nicht darum, hetzte durch Felder und Wälder, kroch unter Zäunen hindurch und sprang über Hecken.
Am Horizont zeigte sich der erste Schimmer des neuen Tages. Notker taumelte, machte noch einen Satz und brach zusammen.
Das nächste, was er hörte, war eine Kinderstimme. "Kommt her! Schnell! Hier liegt ein Mann, ganz nackt und am Fuß verletzt."
Es würde wieder von vorne beginnen. So war es seit dreihundert Jahren.

© Birgit Käker, 2004
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